Interview mit Simon Hadler


Simon vs. Bullshit

In seinem aktuellen Buch Wirklich wahr! zerlegt Simon Hadler, seines Zeichens Leiter der orf.at Kulturredaktion, die Beziehung zwischen Fakten und Fake-News. Er war so nett, mit Buchteufel über sein inzwischen zum Bestseller avanciertes Werk zu plaudern.

 

Hallo Simon, was hat dich dazu gebracht ein Buch über Fakten und Fake News zu schreiben?

 

Die Anfrage des Deuticke-Verlages. Aber warum ich sofort begeistert darauf angesprungen bin, hat erstens mit meiner eigenen Geschichte zu tun, zweitens mit den Ereignissen des Jahres 2015. Zu meiner eigenen Geschichte: Ich habe Publizistik studiert und mich dabei intensiv mit der Frage nach Wahrheit und nach Objektivität beschäftigt. Was ist das überhaupt, die Wahrheit? Klar, seit der Antike sagen Theoretiker, dass es die Wahrheit nicht gibt. Aber deshalb den Anspruch nach Objektivität als Journalist aufgeben? Eine knifflige Frage, die mich schon immer interessiert hat – und die dann 2015 virulent geworden ist, wie ich meine; zumindest in Österreich; zumindest für mich, im Zuge der sogenannten „Flüchtlingskrise“. Ich war mit Flüchtlingen sehr eng befreundet, bin in ihre Community eingetaucht. Sie haben mir von ihren schrecklichen Erlebnissen erzählt und ich habe mitbekommen, wie man es ihnen in Österreich mitunter nicht leicht gemacht hat. All die Hasspostings und auch die Medienberichterstattung haben mit diesen Fakten, die ich kannte, nicht übereingestimmt, im Gegenteil. Wie kann es dazu kommen, dass unsere Wahrnehmung von Welt, vermittelt durch Medien, so ganz und gar nicht mit der Realität übereinstimmt? Das wollte ich wissen, darüber wollte ich in Ruhe nachdenken und meine Leser am Ergebnis teilhaben lassen.

 

In der Einleitung von Wirklich wahr! Suchst du nach einer Immunisierung gegen die Don Quijoterie des 21. Jahrhunderts. Was meinst du damit?

 

Don Quijote kämpfte gegen Windmühlen – schuld daran waren die Ritterromane, die er gelesen hatte, die machten ihn ganz verrückt. Die Situation ist heute Vergleichbar: Wir kämpfen gegen Flüchtlinge und Mindestsicherungsbezieher, die uns das Geld aus der Tasche ziehen, weshalb wir alle soooo arm sind – schuld daran sind Medien, die wir lesen, die machen uns ganz verrückt.

 

Du zitierst Georg Francks bekanntes Werk Ökonomie der Aufmerksamkeit. Was hat das Buhlen um Aufmerksamkeit mit dem Zunehmen alternativer Fakten zu tun?

 

Aufmerksamkeit ist die Währung der Medienbranche – und wird am Kiosk (gleichsam der „Wechselstube“) in Geld umgewechselt. Geld brauchen vor allem Printmedien heute dringender denn je, sie leiden weiter unter den Folgen der Wirtschaftskrise und unter der Konkurrenz aus dem Internet. Manche Medien setzen nun auf „Aufmerksamkeit um jeden Preis“. Bevor man gar nicht auffällt, erfindet man etwas. Das Phänomen gab es in der „yellow press“ schon immer, aber in den letzten Jahren scheinen da weitere Hemmschwellen gefallen zu sein.

 

Fake News ist ein recht junger Ausdruck, gab es das alles nicht früher auch schon? Ist das nicht ein altes Phänomen, das früher nur anders genannt wurde?

 

Die Kritik lautet heute: Wir sind anfällig für Fake News, weil wir in unseren Filterblasen in den sozialen Medien gefangen sind, wo wir immer nur „ideologisch sortenrein“ mit Nachrichten versorgt werden. Natürlich ist das ein alter Hut in neuer Aufmachung. Wie war das denn in den 80er Jahren? Sie sind am Stammtisch gesessen und haben sich gemeinsam mit „Staberl“ über Juden echauffiert und die neuesten Gerüchte ausgetauscht. Und ganz klassische Zeitungsenten gab es auch schon immer. Das Phänomen ist allerdings während der sogenannten „Flüchtlingskrise“ in Europa und später in den USA im Präsidentschaftswahlkampf regelrecht explodiert, da kam es zu Exzessen, wie wir sie in demokratischen Gesellschaften bisher nicht gekannt haben. Ich denke aber, dass das Phänomen durch staatliche Regulierung und Regulierungen, zu denen soziale Medien gezwungen werden, abnehmen wird – bzw. meiner Wahrnehmung nach bereits deutlich abgenommen hat. Viel schlimmer als reine Fake News finde ich manipulative Meinungsmache. Gegen die kann man nur schwer ankommen.

 

Du kritisiert die Gefallsucht, die besonders in den sozialen Medien herrscht. Freust du dich nicht selbst über jedes Like, das du auf Facebook bekommst?

 

Ich kritisiere nicht die Gefallsucht, die ist normal. Ich kritisiere die Methoden, mit denen wir ihr nachgeben. Wenn ich heute Schwammerl suchen gehe, mit zwei Kilogramm Steinpilzen nach Hause komme und dann stolz ein entsprechendes Foto poste, dann ist das vielleicht kindisch, aber kein Problem. Wenn ich einen aufgeregten, hetzerischen, erlogenen Artikel auf Facebook teile, nur weil ich weiß, dass mir die Empörung einen Haufen Likes bringt, dann ist das verwerflich. Leider gibt es noch kaum Bewusstsein dafür – da ist noch viel zu tun. Und: Natürlich freue auch ich mich, wenn mein Schwammerlfoto 150 Likes bekommt. ;-)

 

Lügen, Fake News, alternative Fakten – wie man es auch nennt, wir werden also anfälliger dafür, angeschwindelt zu werden. Was können wir dagegen tun.

 

Da gibt es verschiedene Zugänge, die alle ihre Berechtigung haben. Zunächst einmal: Ich als Medienkonsument kann nicht alles, was ich lese, sehe oder höre überprüfen. Das übersteigt meine Fähigkeiten und mein Zeitbudget. Also entscheide ich: Was betrifft mich wirklich, was interessiert mich wirklich? Bei allen anderen Themen denke ich mir: Wurscht ob es falsch ist oder nicht – ich empöre mich so oder so nicht. Bei Themen, die mir wichtig sind, kann ich bei news.google.co.uk (im Fall von englischsprachigen Nachrichten) oder bei news.google.co.de (deutschsprachig) recherchieren. Ein erfundenes Beispiel: Das Schmierblatt „Krönchen“ zitiert den sogenannten Experten Schleimbeutel mit dem Ausspruch: „Ausländer stinken.“ Ich will jetzt wissen, ob man dem Experten trauen kann, um den Wahrheitsgehalt seiner Aussage einschätzen zu können. Jetzt schaue ich bei news.google.de: Welche Medien zitieren den sonst noch? Ausschließlich Schmierblätter? Kommt der immer im Zusammenhang mit einer bestimmten politischen Partei vor? Wird der vielleicht gar nie von irgendjemanden zitiert? Was schreiben andere Medien über ihn? Das dauert nur ein paar Minuten und ist recht hilfreich.

Generell gesprochen: Wir müssen uns als Gesellschaft vor Bullshit schützen. Dazu fallen mir zwei Maßnahmen ein: Medienkunde von der ersten Klasse Volksschule bis zum Ende der Ausbildungspflicht mit 18, und zwar jede Woche eine Stunde. Das muss es uns wert sein. Und: Eine Medienförderung, die diesen Namen wirklich verdient.

 

Gute Idee! Wunderbar illustriert zeigst du in Wirklich wahr! etliche Beispiele für Geschichten, Meme oder Nachrichten, die du als Fake News entlarvst. Was ist das erstaunlichste Beispiel davon?

 

Schön, dass du die Illustrationen erwähnst. Grafiker Stefan Rauter hat einen Wahnsinns-Job gemacht, wie ich meine. Aber zu deiner Frage – die ist gar nicht so leicht zu beantworten. Vor lauter Statistiken wird man betriebsblind, und ich finde natürlich alle Beispiele super, sonst hätte ich sie nicht in das Buch genommen. ;-) Aber, wenn ich mich entscheiden muss: Dass der CO2-Ausstoß durch den Autoverkehr in Österreich weiterhin steigt, hat mich überrascht. Da hatten mich die Bullshitter mit ihren Jubelmeldungen über den Fahrrad-Hype, den Öffi-Hype, über super sparsame Motoren, über den E-Auto-Boom etc. ganz schön drangekriegt. Das hätte ich nicht für möglich gehalten.

 

Vielen Dank für das Interview. Ich hoffe du wirst uns auch künftig mit Lesematerial versorgen!

(max)

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