Interview mit Michael Landau

 

Caritas Präsident Michael Landau hat sich trotz seines vollen Terminkalenders bereit erklärt, uns ein paar Fragen zu seinem Buch „Solidarität – Anstiftung zur Menschlichkeit“ zu beantworten. Dem studierten Biochemiker und Priester ist das richtige Buch zur richtigen Zeit gelungen.

 

Sehr geehrter Herr Landau, was hat sie dazu bewogen ein Buch zum Thema Solidarität zu schreiben?

 

Oft ist es gut, im Vorhinein nicht so genau zu wissen, wie viel Zeit und Arbeit man am Ende in ein solches Projekt investiert. Jedenfalls habe ich festgestellt: Es braucht deutlich weniger Zeit, um ein Buch zu lesen als es zu schreiben. Und dennoch bin ich sehr froh, es geschrieben zu haben. Denn wer mit offenen Augen durch das Leben geht, weiß: Unsere Welt hat Risse bekommen. Sie dreht sich heute deutlich schneller als noch vor wenigen Jahren. Der Hunger, die Kriege, auch der Terror in Europa – all das ist uns heute näher als noch vor kurzer Zeit. In einer Welt, die wir gerne als „globalisiertes Dorf“ bezeichnen, liegt Syrien im Vorgarten, die Ukraine in der Nachbarschaft und das eigene Wohnzimmer teilen wir uns mit 1,2 Millionen Österreicherinnen und Österreichern, die arm oder akut armutsgefährdet sind. Diese Gleichzeitigkeit, das Unmittelbare – die Tatsache, dass Nachrichten in Echtzeit und wie das Wetter auf uns einprasseln, all das kann ein Gefühl der Überforderung und Ängste auslösen. In Zeiten, da die gesellschaftlichen Gräben tiefer werden, da die Polarisierung zunimmt und wir in vielen Bereichen des Lebens eine Krise des Vertrauens durchleben, sollten wir uns auf unsere Stärken fokussieren und uns nicht von unseren Ängsten treiben lassen. Denn nichts hemmt solidarisches Handeln mehr als Angst. Mein Buch soll hier auch Antworten für jede und jeden Einzelnen geben. Es ist der Versuch, den Optimismus zu stärken und aufzuzeigen, wie jede und jeder von uns einen Beitrag leisten kann. Man muss dafür nicht an Wunder glauben. Es reicht der Glaube daran, dass das Gemeinsame letztlich stärker ist als das Trennende, dass das „Wir“ mehr bewirken kann als jeder und jede von uns alleine.

 

 Sie schreiben, dass wir uns mit dem stetigen Auseinanderdriften von Arm und Reich in Österreich nicht abfinden dürfen. Was könnte man dagegen tun?

 

Unsere Angebote sind immer auch Orte, die wie Seismographen und Spiegel der Gesellschaft im Kleinen sind. Mutter-Kind-Häuser, Obdachlosen-Einrichtungen, Sozialberatungsstellen,... Die Bilder, die diese Spiegel aufzeichnen, sind in mancherlei Hinsicht beunruhigend geworden. Sie zeigen eine Gesellschaft, die auseinanderdriftet. Eine Gesellschaft, in der die Kluft zwischen Arm und Reich zu wachsen scheint. Ich bin überzeugt, wir werden künftig beides brauchen: Strukturelle und politische Lösungen, das Bemühen um Gerechtigkeit, lokal ebenso wie im Weltmaßstab, aber eben auch das konkrete Engagement der Vielen – eine Renaissance der Zivilgesellschaft in Österreich und darüber hinaus weltweit. Veränderung – das habe ich in den vergangenen 20 Jahren immer wieder erlebt – fängt nicht nur im Kleinen und mit dem Hinsehen, sondern vor allem mit jeder und jedem von uns an. Das soll dieses Buch auch verdeutlichen. Es geht auch, aber eben nicht nur um vermeintliche oder tatsächliche Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft, denn Verantwortung tragen wir letztlich alle. Für uns selbst, aber eben auch füreinander. Diese Sicht zu stärken, war mir beim Schreiben des Buches wichtig. Aber um die Verantwortungsträger in der Politik gerade in diesen Zeiten nicht ganz aus der Verantwortung zu lassen: Solange Milliardenbeträge auch aus Österreich in irgendwelchen weit entfernten Steuersümpfen versickern, will ich nicht mehr hören, dass wir uns den Sozialstaat nicht mehr leisten können. Der Umstand, dass uns die Finanz- und Wirtschaftskrise in Österreich bislang nicht im selben Ausmaß getroffen hat wie eine Reihe anderer Staaten, ist auch das Verdienst eben dieses Sozialstaats – jenes sozialen Netzes, das wir in den vergangenen Jahrzehnten beharrlich und im Wechselspiel der gesellschaftlichen Interessen geknüpft haben. Gäbe es keine Sozial- und keine Familienleistungen, wären fast doppelt so viele Menschen in Österreich – nämlich jede und jeder vierte – armutsgefährdet. Ich bin überzeugt: Wir können uns einen funktionierenden Sozialstaat leisten. Was wir uns ganz klar nicht leisten können, ist ohne ihn zu sein. Wir werden daher auch unter der nächsten Bundesregierung sehr genau darauf achten, dass die Errungenschaften dieses Sozialstaates nicht wieder Schritt für Schritt zurückbuchstabiert werden.

 

 Auch die EU ist Thema in ihrem Buch. Würden sie sich als glühender Europäer bezeichnen oder zählen sie sich eher zu den EU-Skeptikern?

 

Europa ist das größte Friedensprojekt der jüngeren Geschichte. Damit ist im Grunde alles gesagt. Unser aller Ziel sollte sein, alles zu tun, um diesen Frieden zu stärken. Wie das gelingen kann? Nun, die Europäische Union ist heute zwar ein gelungenes Friedensprojekt. Sie ist, mit Einschränkungen, auch ein erfolgreiches Wirtschaftsprojekt. Aber die Frage, die uns leiten sollte, lautet: Wie kann es gelingen, sie auch mehr zu einem tragfähigen Solidaritätsprojekt weiterzuentwickeln? Globale Herausforderungen wie Armut, Krieg, Dürre machen an Grenzen nicht halt. Das mag einer der Gründe sein, warum ausgerechnet jetzt die Sehnsucht nach eben diesen Grenzen wieder zunimmt. Gleichzeitig ist klar: Wir benötigen keine nationalstaatliche Kraftmeierei, sondern europäische und letztlich globale Antworten. Was hat Österreich stark gemacht? Die Bereitschaft zusammenzustehen und auf die Schwächsten nicht zu vergessen! Das ist, so bin ich sicher, der Weg, den wir ebenso in Europa gehen sollten. Für mich ist klar: Der Europäische Wettbewerbsvorteil im weltweiten Konkurrenzkampf um den besten Wirtschaftsstandort muss die Menschlichkeit sein. Als Caritas fordern wir aber auch so etwas wie soziale Maastricht-Kriterien für die Menschen, die hier leben. Wer könnte dies – gerade auch mit der Erfahrung aus Österreich – von der Hand weisen? Wirtschaft und Sozialstaat schließen einander nicht aus. Sie bedingen einander. Das galt und gilt für Österreich in der Zweiten Republik, und es muss für Europa in den nächsten Jahrzehnten genauso gelten!

 

Unsere Lebensweise, die Lebensweise sehr sogenannten westlichen Welt, trägt einiges zu den Krisen bei, die momentan vorherrschen. Was kann jeder Einzelner, jede Einzelne tun, um daran etwas zu ändern?

 

Mein Buch ist auch mit der tiefen Überzeugung geschrieben, dass der Versuch, ein gutes, ein gelungenes Leben zu führen, auch Ausdruck der eigenen Würde und Entfaltung unseres Menschseins ist. Es ist der Versuch, mit den eigenen Wertvorstellungen im Einklang zu leben. Der Versuch, der inneren Gewissheit Rechnung zu tragen, dass der Schlüssel zu einem geglückten Leben eben nicht nur darin liegt, sich nur um das eigene Glück, sondern gerade auch um das Glück der anderen zu sorgen. Ja, ich glaube schon auch, dass es für jede und jeden von uns künftig notwendig sein wird, bewusster zu leben, auf den eigenen Ressourcenverbrauch und den eigenen Konsum zu achten und hier mit kleinen und banalen Schritten anzufangen: das Auto öfter in der Garage stehen zu lassen, Strom zu sparen oder langlebigere Produkte zu kaufen. Dabei meint ein „Weniger“ nicht immer Verzicht, sondern kann für jenen, der verzichtet auch Gewinn sein. Ganz einfach, weil ein solcher Akt auch Ausdruck der eigenen Würde ist. Papst Franziskus meinte in diesem Zusammenhang: „[Dieses Verhalten] führt uns zu einer größeren Lebenstiefe und schenkt uns die Erfahrung, dass das Leben in dieser Welt lebenswert ist“. Es kann und soll nicht darum gehen, panisch und schuldbewusst hinter die Errungenschaften der Globalisierung zurückzutreten. Im Gegenteil muss das Ziel lauten, Globalisierung so zu gestalten, dass sich ihre positiven Kräfte für möglichst alle Menschen entfalten können. Der deutsche Philosoph Richard David Precht hat in einem seiner Texte festgehalten, dass das 21. Jahrhundert vor allem jenes Jahrhundert sein wird müssen, in dem wir unseren Wohlstand mit jenen teilen, auf deren Kosten wir ihn zum Teilerarbeitet haben und weiter erarbeiten. „Die Menschenrechte wurden im 18. Jahrhundert erklärt, im 19. Jahrhundert wurden sie in Europa partiell akzeptiert, im 20. Jahrhundert hier weitgehend verwirklicht“, so Precht. Das 21. Jahrhundert sollte nun als dasjenige Jahrhundert in die Geschichte eingehen, in dem wir die Menschenrechte global ernst nehmen und global leben. Denn klar ist: Unsere Welt wächst in atemberaubendem Tempo zusammen. Bislang war dies vor allem ein Zusammenwachsen einer internationalen Rechts- und Wirtschaftsgemeinschaft. Ein Abbau von Zöllen. Ein Angleichen von Standards. Und das Abschaffen von Handelshemmnissen. Das Ergebnis ist eine globalisierte Konsumgesellschaft. Es wird Zeit, auch jene Werte zu globalisieren, die Länder wie das unsere zuletzt groß gemacht haben: Solidarität und Mitmenschlichkeit. Eine solche Globalisierung steht noch an.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

Hier geht´s zum Buch Solidarität - Anstiftung zur Menschlichkeit