Buchteufel-Interview mit

Manfred Bruckner

 

Mit seinem ersten und sehr gelungenen Roman In mir das Dorf hat der Österreicher Manfred Bruckner auf sich aufmerksam gemacht. Wir haben mit ihm über seine Ziele, seine Arbeitsmethoden und seine Kindheit gesprochen.

 

 

Herr Bruckner, wir starten mit einer sehr allgemeinen Frage: Wann und wieso haben Sie sich entschlossen einen Roman zu schreiben?

 

Den Ausgang nahm dieses Schreibprojekt in der Beobachtung, dass, egal woran ich gerade schrieb, es immer wieder Momente gab, die mich dazu veranlassten, Erinnerungen aus meiner Vergangenheit im Dorf zu verarbeiten. Und vor vier, fünf Jahren, da habe ich mir dann gedacht, ich sollte versuchen, diese Verarbeitung strukturierter anzugehen. Weshalb es zuallererst darum ging, eine Text-Struktur zu entwickeln, die meinem Ansinnen, diesen Erinnerungen eine adäquate Form zu geben, entsprachen. Und da sich diese Erinnerungen weder linear noch chronologisch abrufen ließen, sondern sich vielmehr assoziativ aus situativ empfundenen Gefühlen, aus Gerüchen und Klängen ableiteten, kam es zu diesen Texten, die einen sehr episodischen Charakter haben. Und schließlich war es der Prozess des Nachdenkens über mein Erinnern, der mir die Idee für den Rahmen gab: unabhängig davon, wo sich dieses halluzinierte Erzähler-Ich gerade befindet und was es gerade macht, es sind immer auch seine Geschichten.

 

Als Lehrer haben sie auch beruflich viel mit dem Lesen und jungen Menschen zu tun. Hat sich die das Verhältnis der jungen Generation zu Büchern in den letzten 20 Jahren stark geändert?

 

Zu tun gehabt. Ich war ja nur kurz Lehrer und Lektor, Mitte der 90er habe ich mein Heil in den damaligen Neuen Medien gesucht. Weshalb ich betreffend diese Entwicklungen ebenfalls auf Medienberichte angewiesen bin. Also – erstens ist klar, dass durch diese Neuen Medien sich das Medienverhalten (im Sinne von aufgewendeter Zeit pro Medium) grundsätzlich verändern musste. Zweitens sagen Statistiken (erst vor kurzem gab es eine diesbezügliche Artikelreihe in der Tageszeitung Der Standard), dass die Zahl der Lesenden prinzipiell schrumpft. Woraus geschlossen werden muss, die Relevanz, die Literatur früher für die junge Generation hatte, kann sie heutzutage rein quantitativ nicht mehr haben. Was aber über den qualitativen Umgang noch nichts aussagt, meines Erachtens. Ich persönlich gehe nach wie vor davon aus, dass das Lektüreerlebnis ein in keinem anderen Medium erzielbares sein kann (auch wenn beispielsweise bei den neuen TV-Serien davon gesprochen wird, dass sie die neuen Formen des epischen Erzählens seien). Zur Kenntnis zu nehmen ist allerdings, dass dieses Erlebnis mittlerweile sehr massive Konkurrenz erfuhr und im kulturellen Diskurs an sich weniger Bedeutung zugesprochen bekommt.

 

Und trotzdem haben Sie zu schreiben begonnen?

 

Ganz offensichtlich. Was wahrscheinlich primär damit zu tun hat, dass ich auch einen Brotberuf habe und materiell nicht vom Schreiben abhängig bin. Wenn dem so wäre, müsste ich definitiv mehr schreiben und dem Markt gemäßer agieren.

 

Bei In mir das das Dorf hat man schnell der Eindruck, sie hätten über ihre eigene Kindheit geschrieben. Stimmt das?

 

Wie schon oben erwähnt, Ausgangspunkt der Episoden waren Erinnerungsspuren, die ich versuchte, in kleine Geschichten zu verweben, die einzelne Aspekte dieser Zeit und dieses Lebens beleuchten sollten. Insofern ist der Text auto-biographisch. Aber ich halte es da prinzipiell mit Raymond Carver: "Everything we write is, in some way, autobiographical."

 

Was sagen Sie zu dem Satz: Früher war alles besser?

 

Das ist ein ausgesprochen dummer Satz.

 

Wie haben Sie zu arbeiten begonnen. Stand die Geschichte von Anfang an fest oder ist der Verlauf erst beim Schreiben gewachsen?

 

Am Anfang gab es einzelne Aspekte dieser Vergangenheit, die ich beleuchten wollte (weil ich den Eindruck hatte/habe, dass sie verschwinden – Arbeitstitel für die Geschichten war sehr lange Über das Verschwinden). Wofür ich dann nach Erinnerungen suchte, die dem eine Gestalt zu geben im Stande waren. Der Verlauf – im Sinne von Abfolge – entwickelte sich assoziativ und keiner strikten Logik entsprechend. Ich würde meinen, dass das eher etwas Kompositorisches hatte. Oder – wenn Sie wollen – wie wenn man eine große Leinwand bemalt.

 

Gibt es schon ein neues Buchprojekt?

 

Ja, gibt es. Aber ich fürchte, auch dieses Buch wird medial nicht wirklich Widerhall finden. Es wird um Migration gehen. Und man wird sagen: schon wieder ein Buch über dieses Thema… tja, ich und der Markt.

 

Sie sind ja auch als Online-Autor und Blogger tätig. Was ist besser: Bloggen, Artikel verfassen und am eigenen Buch arbeiten?

 

Das sind sehr verschiedene Disziplinen und – logischerweise – hat alles seinen Reiz. Für mich der markanteste Unterschied ist derjenige, dass man für letzteres, also für am-Buch-arbeiten am meisten Selbstdisziplin braucht.

 

Haben Sie als Autor ein fixes Ziel. Wie sieht es mit dem Wunsch nach einem Bestseller aus?

 

Nein. Und ich denke, dass sich ein Bestseller nicht planen lässt. Natürlich müssen Verlage in solchen Logiken denken – von der Auswahl der Themen über das Aussehen der Autor*innen bis zur Platzierung in den Medien (insbesondere Social Media), von der Skandalisierung über die Pflege von Autor*innen-Images bis zur Bebilderung… Nichtsdestotrotz würde ich annehmen, dass maximal 50-60% planbar sind. Dem Himmel (oder wem auch immer) sei Dank.

 

Jetzt würden wir noch gerne erfahren, was ihre drei Lieblingsbücher sind? Diese Frage möchten wir ab jetzt allen unseren Interview-Partnern und Partnerinnen stellen.

 

Das ist eine sehr schwer zu beantwortende Frage, da ich so etwas nicht habe. Lieblingsbücher. Vielleicht so: es gibt drei (US-amerikanische) Autoren, deren Werk mich schon längere Zeit begleitet – der schon oben erwähnte Raymond Carver, Cormac McCarthy und David Foster Wallace.

 

Vielen Dank für das Interview.