Buchteufel-Interview mit Livia Klingl

 

Nach mehreren Sachbüchern hat die ehemalige Standard- und Kurier-Kriegsberichterstatterin Livia Klingl ihren ersten Roman veröffentlicht. Der Lügenpresser ist der innere Monolog eines 62-jährigen Boulevardjournalisten, der über sich, sein Leben und die Welt nachdenkt. Wir durften der Autorin ein paar Fragen zu diesem sehr gelungenen Romandebüt stellen.

 

Sehr geehrte Frau Klingl, bei dem Seelenstriptease Ihres Hauptprotagonisten Karl Schmied handelt es sich um einen inneren Monolog. Wieso haben Sie sich für dieses Stilmittel entschieden?

 

Ich wollte gern ein Buch ohne erhobenen Zeigefinger und ohne Moralisiererei schreiben, ein Buch, das einen Einblick in die Gedanken- und Seelenwelt von jemandem gibt, der nach meiner Einschätzung die Mehrheit der Bevölkerung repräsentiert. Dr. Karl Schmied ist eine Figur, in der sich jede und jeder ein bisschen wiederfinden kann, sofern man ehrlich zu sich selbst ist.

 

Sie haben einen sehr glaubwürdigen Charakter erschaffen. Haben Sie diese Figur am Reißbrett erstellt, kennen Sie jemanden, der so ist oder steckt auch ein bisschen was von Ihnen in Karl Schmied?

 

Ich war nie ein Mann, habe nie in einem Boulevardmedium und nie in einer Chronikredaktion gearbeitet - insofern hat der Karli-Bua, wie der Protagonist als Kind und Jugendlicher genannt wurde, nichts von mir. Im Ernst: Außer dass auch mir das fanatische Gendern auf die Nerven geht, weil ich kein Binnen-i sprechen kann und weil mir gleiche Bezahlung wichtiger ist, haben Schmied und ich nichts gemein. Ich habe diese Figur aus Hunderten Gesprächsfetzen, Interneteinträgen und Diskussionen aus den vergangenen drei Jahren geschaffen. Eine, wie ich glaube, typische Figur unserer Zeit, ein Mensch mit Zukunftsangst bei gutem eigenen Leben.

 

Der Lügenpresser ist die glänzende Kritik einer Gesellschaft in der Krise geworden. Was wären Ihrer Meinung nach die Aufstiegsmöglichkeiten aus dieser Talsohle?

 

Zynisch könnte man sagen: Gratiscouch beim Psychiater für alle, die sich im drittsichersten Land der Erde fürchten und für jene, die bei einer Reproduktionsrate von 1,4 Kindern pro Paar an eine Überbevölkerung glauben. Ernsthaft gesprochen weiß ich natürlich kein Wundermittel gegen die Krise, von der ich glaube, dass sie aus der Unsicherheit durch Unberechenbarkeit resultiert, die die Welt durch Globalisierung und kommende Automatisierung darstellt. Was ich mir wünschen würde: Dass die EU diese Idee, allen 18Jährigen ein EU-weit geltendes Bahnticket schenkt, umsetzt. Denn wer reist, bekommt einen anderen Horizont und einen anderen Bezug zu „fremden“ Kulturen. Und dass die Transaktionssteuer eingeführt wird und die Einnahmen daraus in die Sozialtöpfe fließen. Denn wer sich und seine Kinder nicht ökonomisch bedroht fühlt, ist zufriedener und weniger anfällig für Heilsversprecher. Jetzt wird Survival of the Fittest gehandhabt, und man lockt die Menschen mit der Propaganda, jeder sei seines Glückes Schmied. In dieser Art Kapitalismus mit krasser Umverteilung von unten nach oben haben eben viele weniger Begabte, weniger Gebildete oder weniger Gesunde das Nachsehen.

 

Besonders Medienkritik wird durch die Gedankengänge Karl Schmieds vor den Vorhang geholt. In einer Zeit in der nicht mehr nur die reißerischen Boulevardmedien auf den populistischen Zug aufgesprungen natürlich verständlich. Was hat sich an der Medienlandschaft Ihrer Meinung nach geändert?

 

Auch sogenannte Qualitätsmedien reagieren auf Facebook-Klicks wie der Hund auf den Knochen, verwechseln koordiniert vorgehende Kleingruppen mit Mehrheiten und bringen Ansichten, die durch rechte Wut-Geschwader im Internet hochgejazzt werden, in die Debattenwelt der gesamten Gesellschaft. Dann nimmt sie ein Teil der PolitikerInnen auf und dann haben wir eine künstliche Diskussion mit großer Erregung, wie etwa das Kindergartenkinderkopftuch zeigte. Kein Mensch weiß, wie wenige Kinder es betrifft, aber man debattiert es mit einer Verbissenheit, als ginge es ums eigene Leben. Damit kein Missverständnis aufkommen: Ich bin strikt gegen den Missbrauch von Kindern für quasireligiöse Zwecke und würde mir wünschen, alle Muslime würden endlich den Koran lesen. Dort steht nichts über ein Kindergartenkinderkopftuch, ja nicht einmal zweifelsfrei über das Kopftuch für die erwachsene Frau.

 

Wenn man ihre Sachbücher kennt weiß man, dass die Flüchtlingsproblematik für Sie nur eine Ausrede ist, um sich nicht mit den wirklichen Problemen beschäftigen zu müssen. Welche „wirklichen Probleme“ meinen Sie damit?

 

Wir wissen nicht, welche Grenzen Europa hat (siehe Ukraine- und Türkeidebatte). Wir wissen, dass sich die Weltordnung ändert, dass die USA unberechenbar geworden sind, dass China und Indien ökonomisch aufsteigen, aber wir wissen nicht, wie wir darauf reagieren sollen. Wir in Europa haben einen hohen Anteil Alter, wollen aber keinen Zuzug Junger (aus anderen Kulturkreisen). Wir wissen, dass die Automatisierung kommt, diskutieren aber nicht, was das bedeutet und die Mehrheit in Österreich bejaht die Darwinsche Formel „Leistung muss sich lohnen“. Der Joghurtschlichter und sogar der Steuerberater wird aber - egal wie viel er leistet - durch Maschinen ersetzt werden. Die Putzfrau und die Chirurgin nicht, das heißt, die sehr schlecht und die sehr gut Ausgebildeten werden weiter traditionelle Berufe haben. Was sieht die Gesellschaft für all die durch Maschinen „ersetzbaren“ Menschen vor? Was wird Leistung künftig bedeuten? Vielleicht, dass sich jemand um die Blumenrabatten vor seinem Haus kümmert oder sonst irgend etwas Sinnvolles - aber bis dato Unbezahltes - tut. Das alte, protestantische Leistungsmodell hat, wie ich glaube, bald ausgedient, aber wir trichtern es noch immer den Kindern ein statt eine lebendige Diskussion über die Zukunft zu haben.

 

Welche Arbeit macht Ihnen mehr Freude: Die an einem Sachbuch, oder jene an einem Roman?

 

Der Roman hat den Vorteil, dass man sich kreativ ausleben kann. Das Sachbuch, dass man sich an Fakten entlanghangeln kann.

 

Und was kommt als nächstes: Sachbuch oder wieder ein Roman? Und gibt es schon ein Thema?

 

Ich habe nach jedem Buch gesagt: Das ist mein letztes Buch…

 

Wir hoffen, dass das nicht Ihr letztes Buch war und danken für das Interview.