Jeder sollte seine Meinung sagen dürfen!

 

Der Philosoph Dr. Georg Schildhammer war schon öfter bei Talk im Hangar 7 zu Gast, er unterrichtet Studenten in Moral & Ethik, arbeitet als freier Journalist und hat bereits zwei Bücher geschrieben. Wir haben den bekennenden Liberalen, der in Kirchberg am Wechsel aufgewachsen ist, in Wien zum Interview getroffen und sehr interessante Ansichten erfahren.

 

Du hast bereits zwei eigene moralphilosophische Werke geschrieben, „GutMensch“ und „Glück“, sowie sieben weitere als Ghostwriter verfasst. Bei zwei weiteren Werken hast du mitgearbeitet. Was machst du am liebsten?

 

Am liebsten schreibe ich natürlich Bücher, die unter meinem Namen erscheinen, nicht unter dem von jemand anderem, weil ich inhaltlich mehr dahinter stehe. Von den sieben als Ghostwriter geschriebenen Büchern sind übrigens nur fünf veröffentlicht worden. Bezahlt wurden allerdings alle Aufträge.

Ist es unbefriedigend Bücher zu schreiben, wenn sich dann jemand anderer mit diesen „Federn“ schmückt?

Nein, nicht wirklich. Das ist ein ganz klarer Arbeitsauftrag. Die Menschen, die sich die Bücher von mir schreiben lassen, haben ja die Fachkompetenz dafür, nur meist nicht die Zeit oder die texterische Kompetenz, ein ganzes Buch zu schreiben. Ich bekomme dann die Inhalte, wir führen mehrere Interviews und aus diesem Material entsteht dann ein Buch.

 

Du bist ja bekennender Liberaler. Warst du während deiner Studienzeit, Publizistik & Kommunikationswissenschaft, Philosophie, Psychologie, Theaterwissenschaft, nicht eher Teil einer Randgruppe?

 

Du meinst, weil diese Fakultäten doch eher tendenziell links sind?

 

Ja genau.

 

Ja das stimmt, aber ein Großteil meiner Freunde verstehen sich als links und ich würde sie auch so bezeichnen, das hat mich aber nie gestört. Ich selbst bin ja in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, allerdings in einem liberal katholischen mit starker naturwissenschaftlicher

Ausrichtung. Wir haben viel diskutiert und es gab Gedankenaustausch und Kritik in sehr viele Richtungen. In Kirchberg am Wechsel, dem Dorf in dem ich aufgewachsen bin, hat es sehr viele alte und jüngere Nazis gegeben, und ich habe mit diesen Menschen auch als Jugendlicher schon viel diskutiert und gesagt, dass ich das aus verschiedenen Gründen unsinnig finde. Ich habe aber für mich in Anspruch genommen, während meiner Studienzeit auch linke Ideen zu kritisieren, die mir zu radikal vorgekommen sind. Damit kann ich auch nichts anfangen. Seit ich denken, kann bin ich ein sehr individualistisch eingestellter Mensch und lege sehr viel Wert darauf, dass das Individuum selber über sein Leben entscheiden kann, und nicht in ein Kollektiv, egal ob das ein linkes oder ein rechtes ist, eingeordnet wird.

 

Man unterscheidet ja heutzutage wieder sehr stark zwischen Links und Rechts, was hältst du von dieser Dichotomie?

 

Ich verwende diese Begriffe durchaus auch öfter in Diskussion zur Definition bestimmter Sachverhalte. Wenn zum Beispiel, wie einige meiner Freunde ziemlich unverblümt eine Vermögens- oder Erbschaftssteuer fordern, betrachte ich das als Links. Auch die Positionen von Carola Rakete zur freien und unkontrollierten Immigration nach Europa, der Ruf nach offenen Grenzen sind linke Forderungen. Das ich finde ich persönlich problematisch, aus ökonomischen wie auch soziologischen Gründen. Es gibt aber auch Liberale, die meinen, dass alle Grenzen eigentlich offen sein sollten.Themen wie die Neuorganisation der Umverteilung, sind also eher linke Ideen. Rassistisch motivierte Politik auf der anderen Seite, ist rechte Politik. In Österreich kann man meist relativ klar zwischen eher linken und rechten Parteien unterscheiden. Eine Partei wie die FPÖ, die in den letzten Jahren immer wieder mit antisemitischen Aussagen und etlichen „Einzelfällen“, die selbst schon zum Schlagwort geworden sind, auffallen, machen ganz eindeutig rechte Politik. Man kann also mit diesen Begriffen immer noch arbeiten, sie machen schon Sinn, auch wenn sie nicht immer das gesamte Spektrum einer Partei abdecken.

 

Und wo siehst du die Liberalen in diesem Spektrum, sind die in der Mitte?

 

Das ist insofern eine wichtige Frage, weil wenn ich mich als Liberal bezeichne, meine ich damit nicht, eine dritte Ideologie zu vertreten. Liberalismus wie ich ihn verstehe, entsteht erst in Abwehrhaltung zu diesen kollektivistischen Ansätzen von Links und Rechts. Meine Ansichten entstehen erst dadurch, dass ich sage: „Ich will von euren Ideen nicht tangiert werden, will nicht vereinnahmt werden.“ Aus diesem Widerspruch, dieser Gegenhaltung, habe ich mich als Liberaler erst konstruiert.

 

Du sagst immer wieder, man soll wahrheitsgetreu kommunizieren. Wie weit soll das gehen? Sind kleine Notlügen nicht oft auch dazu da, die Beziehungen zu anderen aufrecht zu erhalten?

 

Das Schlagwort zu dieser Frage ist der Begiff „weiße Lügen“. Es gibt Lügen, die sind gut gemeint und deswegen könnten sie vielleicht legitim sein. Ich glaube es wäre unrealistisch zu sagen, man habe noch nie gelogen. Das habe ich auch schon, aber wenn dann aus Höflichkeit oder um andere nicht zu verletzen. Ich glaube, dass es generell erstrebenswert ist, möglichst authentisch und wahrheitsgetreu zu interagieren. Das heißt, wenn mich jemand fragt, wie mir seine neuen Klamotten gefallen und ich finde sie hässlich, dann kann ich das ja auch höflich ausdrücken. Wenn wir immer nur das sagen, von dem wir glauben, dass es die anderen hören wollen, haben wir nie die Chance ehrliche Kompromisse zu schließen, mit denen alle leben können. Erst wenn wir wissen, was andere wirklich wollen, können wir den effizientesten, den ökonomischsten Weg beschreiten, um eine Annäherung unserer unterschiedlichen Weltanschauungen zu finden.

 

Wo hört die persönliche Freiheit deiner Meinung nach auf?

 

Es ist schwer, das absolut und objektiv zu definieren. Ich würde sagen, meine Freiheit soll dort enden, wo Leib und Leben eines anderen bedroht sind. Ich bin in Bezug auf Meinungsfreiheit sehr liberal, was ich auch in vielen Diskussion schon vertreten habe. Ich persönlich finde ja, man sollte den Paragraphen für Wiederbetätigung abschaffen. In den USA kann man über den Präsidenten herziehen oder über Bevölkerungsgruppen. Dabei kann es zwar zu Klagen kommen, die werden aber meistens abgewiesen, mit dem Hinweis auf den ersten Zusatzartikel der Verfassung: Recht auf freie Meinungsäußerung. Das ist sehr radikal libertär, aber in den USA ist immer noch keine rechte Diktatur ausgebrochen.

 

Wobei …

 

Ja gut, jetzt gibt es Trump, aber Nazis haben dort die Macht noch nicht an sich gerissen. Ich weiß schon, aus historischen Gründen haben wir bei Wiederbetätigung einen wunden Punkt, aber ich glaube, dass es in einer offenen Gesellschaft möglich sein muss, dass auch Menschen da draußen herumspazieren und sagen: „Hitler war ein klasser Bursch.“ Was auch immer. Das würde mir nicht gefallen, weil ich mit dieser Ideologie nichts anfangen kann, aber ich finde eine offene Gesellschaft muss das aushalten. Ich glaube auch, ein positiver Effekt davon wäre, dass Menschen sich viel intensiver mit diesen Themen auseinandersetzen und sagen würden, „na das ist eigentlich ein Blödsinn.“ Wenn ich zu dieser Ideologie tendiere, ich mich aber nicht damit beschäftigen darf, wird sie vielleicht erst recht attraktiv. In einer derart freien Gesellschaft fände ein offener Dialog statt. Ich will nicht, dass sich die Nazis im Keller zusammensetzen und einen Angriff auf die Demokratie planen. Ich will wissen, wer meine Gegner sind und mit ihnen offen diskutieren können. Eine Meinung, die mich beleidigt, fügt mir einen subjektiven Schaden zu. Es kann mich, aber muss mich nicht beleidigen. Das hängt stark davon ab, wie viel Selbstvertrauen ich habe. Subjektive Schäden sind durch Interpretation vergrößer- oder verkleinerbar. Wenn du allerdings eine radikaler Terrorist wärst, der mir den Kopf abschlägt oder mit ein Messer in die Brust rammt, erzeugst du einen objektiven Schaden: Ich bin tot, egal wie ich über diesen Sachverhalt denke. Ich bin dafür, dass wir dafür sorgen, dass Menschen sich nicht gegenseitig umbringen, aber Beleidigungen könnten wir ertragen lernen. Das Aufrufe zu Gewalt und Verhetzung, objektiven Schaden hervorrufen können und strafrechtlich verfolgt gehören, das unterschreibe ich. In Sachen Wiederbetätigung verstehe ich natürlich, dass Österreich und Deutschland sagen, das gehört verboten. Heute könnte man allerdings darüber nachdenken, ob solche Verbote mehr nutzen oder schaden. Ich sage, weg mit diesem Verbot, für mehr öffentliche Diskurse. Ich will mit Leuten, die im Geheimen ihre Lieder singen öffentlich diskutieren können, ich will ihnen empirisch belegbar zeigen können, warum das was sie vertreten Bullshit ist.

 

Kleiner Themenwechsel, wie geht ein liberaler Philosoph mit dem Klimawandel um?

 

Die Frage lässt sich auf zwei Arten beantworten: Einerseits, wie lebe ich selber und was tue ich, wenn ich davon überzeugt bin, dass es ein Problem gibt? Was mich betrifft, habe ich weder ein Auto, noch mache ich oft Flugreisen. Ich kaufe hauptsächlich Bioprodukte aus regionaler Erzeugung, obwohl ich weiß, dass das teurer ist – ich habe aber auch keine Familie die ich ernähren muss. Ich fahre außerdem viel mit der Bahn, wenn ich innerhalb Österreichs irgendwo hin muss und in Wien mit den Öffis. Ich habe eine Jahreskarte und die Vorteilskarte der ÖBB, also diesbezüglich habe ich keinen besonders luxuriösen Lebenswandel. Ich versuche bewusst, ein ökologisch nachhaltiges Leben zu führen. Das ist die eine Seite, die persönliche.

Die andere Seite ist ist die Frage, welchen Diskurs ich gut finde, und welche Beiträge leiste ich selber. Als Liberaler bin ich der Meinung, dass viele Positionen und Forderungen, vermehrt von linker Seite, sehr radikal sind. Ich habe vorher schon Carola Rakete erwähnt, die in meinen Augen eine antidemokratische Grundhaltung hat, weil sie glaubt im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Sie glaubt besser zu wissen, was für die Menschheit insgesamt gut ist, das finde ich problematisch. Aber noch mal: Als Liberaler finde ich, dass sie diese Meinung vertreten darf. Ich will ja wissen, wie Menschen drauf sind, die Teil des Diskurses sind. Wenn ich Kinder hätte, würde ich wollen, dass sie diesen Diskurs mitverfolgen können. Nur wenn wir öffentlich und offen darüber diskutieren können wir ein Bewusstsein schaffen – was auch immer wir in unseren demokratischen Abstimmungen daraus machen. Ich selber lebe, glaube ich, ökologisch sehr nachhaltig und bin der Meinung, wenn 95 Prozent der Klimaforscher sagen, der anthropogene Anteil am Klimawandel sei cirka 75 Prozent, sollte man das für plausibel halten. Ich bin zwar kein Ökologe, aber ich glaube das. Trotzdem möchte ich anhand dieser empirischen Daten keine diktatorischen Maßnahmen. Es muss auch hier wieder demokratisch bestimmt werden, was wir machen sollen. Wenn dabei herauskommt, wir wollen weiterhin Party machen, dann muss ich damit leben können. Mir ist es lieber die Welt geht zu Grunde, weil wir das in einer demokratischen Abstimmung beschlossen haben, also wir leben 100 Jahre länger, dafür aber in einer Diktatur. Da wären wir wieder bei einer der vorigen Fragen zu subjektiver und objektiver Gewalt. Wenn jetzt jemand mit einem Messer vor mir stehen würde und ich hätte einen Revolver, würde ich dann schießen? Natürlich, denn ich will nicht erstochen werden. Aber zu sagen, in 20, 30, 40 oder 50 Jahren werden sehr viele Menschen vielleicht durch den Klimawandel sterben werden, befindet sich außerhalb unseres Wissens. Wir können auch heute noch nicht sagen, welche Maßnahmen wir bis dahin ergriffen haben werden – es gibt ja jetzt schon Lösungsansätze, die gar nicht mehr so futuristisch klingen. Aber jetzt antidemokratische Maßnahmen zu setzen schiene mir überzogen. Das erinnert mich an den Film „Minority Report“ bei dem Menschen für Verbrechen verhaftet werden, die sie noch nicht begangen haben.

 

Aber es gibt, wenn wir bei „Minority Report“ bleiben, einen Punkt, an dem der vermeintliche Täter zwar noch nicht gehandelt hat, aber an dem er beispielsweise gerade seine Waffe putzt und ein Bild seines Opfer zu Hause aufgehängt hat, mit dem er Zielübungen macht. Ein Punkt, an dem feststeht: Dieser Mensch plant einen Mord.

 

Ich verstehe was du meinst, aber es ist dennoch problematisch. Wir befinden uns hier in einem Bereich der Rechtsphilosophie. Der Rechtsstaat sagt, dass jemand erst schuldig ist, wenn er die Tat begangen hat. Ich weiß, dass wir uns durch diese Annahme in Situationen begeben könnten, in denen Taten nicht zu verhindern sind. Trotzdem müssen wir das in Kauf nehmen. Natürlich sind auch bestimmte Waffen, Sprengstoffe oder Bombenbauteile verboten, die ein Eingreifen der Justiz vor einer Tat rechtfertigen. Hier kann angesetzt werden.

 

Jetzt noch unsere Buchteufel-Frage, die wir allen unseren Interviewpartnerinnen und -partnern stellen: Nenne uns deine drei aktuellen Lieblingsbücher.

 

Mein Problem ist, dass ich seit Jahren viel mehr Fachliteratur als Fiktion lese. Ich leiste es mir inzwischen, dass ich mir einmal im Jahr 3 – 5 Bücher, meist von ein und demselben Autor kaufe und nacheinander lese. Das geht sich zeitlich inzwischen aus. Im letzten Jahr war das beispielsweise Philip Roth. Sehr gern lese ich auch Albert Camus, das ist einer der ersten Philosophen, mit denen ich mich bereits im Teenageralter beschäftigt habe. Camus hat mich sehr geprägt, weil er ein Atheist und Existenzialist ist und trotzdem nicht den Fehler begangen hat, den Satre begangen hat, von wegen, die Verbesserung der Welt legitimiert Gewalteinsatz. Das hat Camus zurückgewiesen und deswegen haben sich die beiden auch zerstritten.

Wenn ich jetzt bestimmte Bücher nennen muss, sage ich:

 

„Die Pest“ von Albert Camus

„Aufklärung, jetzt“ von Stephen Pinker

"Entzauberte Welt" von Bernulf Kanitscheider

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