"Manche Thriller-Autoren sind echt schräge Vögel."

Für unser erstes buchteufel-Interview konnten wir gleich ein besonderes Kaliber gewinnen. Er ist einer der erfolgreichsten österreichischen Thriller-Autoren und hat mit Maarten S. Sneijder eine echte Kultfigur geschaffen. Andreas Gruber sprach mit uns über sein neues Buch, seine erfolgreiche Karriere und seine nächsten Projekte.

 

Dein neues Buch „Todesreigen“, erschienen im Goldmann-Verlag, ist dein vierter Thriller mit dem genialen Profiler Maarten S. Sneijder. Kannst du kurz erzählen, um was es in dem Roman geht?

 

Wer den Schluss des Vorgängerbandes „Todesmärchen“ kennt, der weiß, dass Sneijder am Ende des Buches etwas Schreckliches getan hat.

Der vierte Band beginnt damit, dass er eine Gerichtsverhandlung hatte und vom Dienst suspendiert wurde. Seine junge Ex-Partnerin Sabine Nemez, die er liebevoll „Eichkätzchen“ nennt, und die er an der Akademie ausgebildet hat, muss also allein arbeiten. Und zwar an einer merkwürdigen Serie von Selbstmorden unter Kripo-Kollegen.

Sneijder gibt ihr den Rat, die Finger von dem Fall zu lassen, da er anscheinend die Hintergründe kennt, doch sie hört nicht auf ihn, rückt dem Killer zu nahe auf die Pelle, und dann verschwindet sie plötzlich spurlos. Das ist der Moment, in dem sich Sneijder mit seiner privaten Glock auf eigene Faust in das Geschehen einbringt, um sein geliebtes „Eichkätzchen“ zu finden. Und es wird ein Todesreigen für alle, die sich gegen ihn stellen.

 

Wann hast Du beschlossen deinen erlernten Beruf an den Nagel zu hängen und nur mehr zu schreiben?

 

Ich war nach dem WU-Studium zwanzig Jahre lang im Controlling verschiedener Konzerne tätig, habe aber bereits begonnen ab 2003 Teilzeit, also nur noch 30 Wochenstunden, zu arbeiten, um mehr Zeit für meine Romane zu haben. Später habe ich dann auf 25 und danach auf 15 Stunden reduziert. Eigentlich unvorstellbar, als Controller so wenig zu arbeiten, aber ich war am Ende auf eigenem Wunsch nur noch für spezielle Datenbanken-Programme verantwortlich.

Im Oktober 2014 habe ich dann auch diesen Job endgültig an den Nagel gehängt und bin seither freier Autor. Das war der richtige Zeitpunkt, denn ab da kamen dann auch die Angebote für ausgedehnte Lesereisen in Österreich und Deutschland, für die mir davor die Zeit gefehlt hätte.

 

Du bist einer der erfolgreichsten Thrillerautoren Österreichs, wenn nicht sogar der erfolgreichste, hast du mit diesem Erfolg gerechnet, als du begonnen hast zu schreiben?

 

Der erfolgreichste österreichische Thrillerautor ist mit Abstand Marc Elsberg, dessen Roman „Blackout“ ich sehr mag – aber trotzdem, vielen Dank für das Kompliment.

Als ich begonnen habe zu schreiben, das war 1996 mit Horror- und Science-Fiction-Kurzgeschichten, war ich froh, wenn ich eine Story von fünf Seiten in einem Magazin unterbringen konnte, das mit einer Auflage von 80 Stück erschienen ist. Damals war der heutige Erfolg Lichtjahre entfernt.

Aber ich habe schon damals mit dem Gedanken im Hinterkopf geschrieben, eines Tages als Autor davon leben zu können. In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren ist dieser Jugendtraum immer mehr in greifbare Nähe gerückt. Allerdings hätte ich nie damit gerechnet, dass die Romane dann in so hohen Auflagen bei Goldmann erscheinen und so eine große Leserschaft finden würden.

 

Immer wieder hört man, Thriller- und Horrorautoren und -autorinnen seien selber eigenartige Gestalten. Trifft das auch auf dich zu?

 

Du hast recht, manche Horror-Autoren sind echt schräge Figuren, aber ich glaube, das ist bloß eine Image-Sache. Im Prinzip sind ja auch die Musiker von KISS, Alice Cooper oder Ozzy Osbourne ganz normale Menschen, wenn sie zu Hause auf der Couch liegen.

Ich selbst bin ein durchschnittlicher und langweiliger Mensch. Der Nervenkitzel in meinem Leben besteht darin, wenn ich mal mit einer Katze zum Tierarzt fahren muss, mich beim Walken mit dem mp3-Player im Wald verlaufe oder nach einem Stau zum Flughafen rase, um die Maschine zur Buchmesse zu erwischen. Abgesehen davon verläuft mein Leben unspektakulär.

 

Woher holst du dir die Ideen für deine Bücher? Wie entstehen die Charaktere?

 

Die Charaktere entstehen auf dem Reißbrett. Ich tüftle viel herum, plotte – wie es so schön heißt, d.h. ich entwickle die Handlung mit allen Details, bevor ich mit dem Schreiben beginne –, und erfinde dann die passenden Figuren mit ihren Ticks und Macken und ihrer Lebensgeschichte, ihren Mängeln, Fähigkeiten und Kenntnissen zur Handlung. Der Roman soll ja rund sein, und Figuren mit Ecken und Kanten müssen sich da gut einfügen können.

 

Was sind deine nächsten Projekte? Woran arbeitest du, oder machst du gerade eine Pause?

 

Eine Pause von etwa einer Woche, in der ich Filme schaue und intensiv lese, gönne ich mir jeweils nach dem Erscheinen eines neuen Buches. Und an meinem Geburtstag gönne ich mir auch immer eine Woche Pause, in der ich meinen kreativen Geist auftanke und den Motor fülle. Dummerweise sind dieses Jahr beide Ereignisse zusammengefallen. Danach ging es dann wieder an die Arbeit.

Ja, neue Projekte gibt es viele. Ich habe Buchverträge bis ins Jahr 2020, u.a. einen Buch-Dreiteiler in einem für mich völlig neuem Genre. Aber da erst kürzlich, Ende August 2017, mein letzter Roman „Todesreigen – Maarten Sneijders 4. Fall“ erschienen ist, ist es noch zu früh, darüber zu sprechen, mit welchen Büchern es weiter geht.

Im Frühjahr 2018 wird das Geheimnis voraussichtlich gelüftet. Bis dahin arbeite ich im stillen, dunklen Kämmerlein vor mich hin.

 

Es hat einmal jemand gesagt, in Österreich könnten nur 5 Schriftsteller vom Schreiben leben – stimmt das, und gehörst du dazu?

 

Ja, der Buchmarkt ist hart, und viele Autoren müssen leider nebenbei von Übersetzungen leben, damit sie ihr Einkommen erreichen.

Ja, und es stimmt auch, dass ich zu denjenigen gehöre, die allein vom Schreiben leben können. Aber ich denke, dass es mehr als nur 5 sind, wenn man alle Genres mit einbezieht.

Denke doch nur an Thomas Brezina, der allein in China Millionen von Büchern verkauft, oder an den bereits erwähnten Marc Elsberg. Und dann gibt es in Österreich auch noch die Autorenkollegen Bernhard Aichner, Ursula Poznanski und Daniel Glattauer. Okay, das waren jetzt genau fünf – aber ich bin sicher, es gibt mehr.

 

Wie lange hat es gedauert bis du von deinen Büchern leben konntest?

 

Als ich im Oktober 2014 meinen Bürojob gekündigt und mich als Vollzeit-Autor selbständig gemacht hatte, habe ich für mich einen Finanzplan erstellt. Meine Frau arbeitete damals – und das tut sie immer noch – ganztags in einer Kanzlei. Wir hatten also ein zweites Einkommen. Und damals hatte ich ein finanzielles Polster von fünf Jahren. Hätte ich also einen Flop nach dem anderen geschrieben, hätte ich mir nach fünf Jahren wieder einen Brotjob suchen müssen. Das war das Risiko. Aber das ist zum Glück nicht passiert.

Insgesamt hat es also von 1996 bis 2014, knapp zwanzig Jahre, gedauert, bis ich mir meinen Traum von einer Schriftstellerkarriere tatsächlich erfüllen konnte.

 

Jetzt noch eine kurze Frage zu Deiner Arbeitsweise. Baust Du die Geschichten nur in Deinem Kopf oder bist Du ein Zettelsammler, der jede Idee aufschreibt?

 

Formulieren wir es so: Ich bin ein moderner Zettelsammler, d.h. ich notiere mir meine Ideen in einer Datei. Darin sind Hunderte Ideensplitter und Fragmente gesammelt, und wenn ich für einen neuen Buchvertrag ein so genanntes Exposé – also eine Inhaltsangabe – abgeben muss, dann schöpfe ich aus diesen Ideen und schreibe eine ca. 40 seitige Inhaltsangabe.

Die ist dann mein Leitfaden für den Roman. D.h. ich weiß schon zu Beginn, wie das Buch ausgehen wird. Anders könnte ich einen komplexen Thriller mit zwei Handlungssträngen, mehren Erzählperspektiven und zeitlichen Rückblenden gar nicht schreiben. Es steckt also sehr viel mathematische Arbeit in der Vorarbeit eines Buches – ein kleiner Nebeneffekt aus meiner Tätigkeit als Controller. Hatte das WU-Studium also doch etwas Gutes.

 

Vielen Dank, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast.