Lars Jaeger über sein Buch "Supermacht Wissenschaft"

Wird uns der wissenschaftliche Fortschritt ausrotten?

Das aktuelle Buch von Lars Jaeger muss man einfach lesen, wenn man ungefähr erahnen möchte, wie unsere Zukunft in technologischer Hinsicht ausschauen könnte. Die technische Entwicklung schreitet mit unglaublicher Geschwindigkeit voran, die Wissenschaft überholt sich quasi selbst. In „Supermacht Wissenschaft“ trifft Utopie auf Dystopie – wie man mit diesem Fortschrittstempo umgehen sollte hat Lars Jaeger schließlich mit einem Manifest beantwortet. Im Buchteufel-Interview könnt ihr euch schon mal einen Vorgeschmack auf dieses wichtige Buch holen:

 

Herr Jäger, welche technologischen Entwicklungen werden Ihrer Meinung nach auf unsere Zukunft den größten Einfluss nehmen?

 

Die frühere technologische Entwicklung war bestimmt von jeweils einer, selten einer zweiten oder dritten revolutionären Technologie zur gleichen Zeit. Heute sind es ein ganz Dutzend neuer Schlüsseltechnologien zugleich – von der Quantenphysik bis zur Algorithmik, von der Nanochemie bis zur Reproduktionsgenetik und der Erzeugung synthetischen Lebens , von neuer Medizin bis zu der perfekten Ernährung, von der künstlichen Intelligenz und Neuro- bzw. Bewusstseinstechnologien bis zur Robotik, von schlauen Fabriken bis Big Data, von denen jede einzelne Türen in unvorstellbare Möglichkeitsräume öffnet. Und viele dieser Technologien sind heute eng miteinander verzahnt und treten miteinander in Wechselwirkung. Und anders als früher sind wissenschaftliche und technologische Durchbrüche nicht mehr Sache von Jahrzehnten, sie finden heute im monatlichen Takt statt. Gewaltige gesellschaftliche, soziale und kulturelle Veränderungen stehen uns daher nicht erst in fernen Zeiten bevor. Somit ist es das Ziel des Buches, die Leserinnen und Leser auf eine aufregende Reise mitzunehmen, die uns in die Welt der Möglichkeiten unserer eigenen Zukunft führt. Dabei geht es auch darum, wie wir so weit wie möglich die Kontrolle über diese Technologien behalten können.

 

Sie sprechen in Ihrem Buch von der „dunklen Seite der Individualität“? Was wollen Sie damit sagen?

 

Das humanistische Welt- und Menschenbild, das unserer Betonung auf individueller Selbstentfaltung zugrunde liegt, brachte uns die Befreiung von dogmatischen Welt- und Gesellschaftskonzepten und damit einhergehender sozialer Unterdrückung. Zugleich ermöglichte es den Menschen mit der mit ihm einhergehenden technologischen und kapitalistischen Innovationsdynamik eine immer weitere Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Doch erschuf es auch den Legitimationsraum für eine egozentrische Selbstbezogenheit, die sich beispielsweise in der rücksichtslosen Ausbeutung unserer materiellen Ressourcen offenbaren. Zwei Theorien manifestieren diese negative Dimension unserer heutigen Betonung auf Individualität besonders deutlich:

 

In der Evolutionstheorie hat der individuelle Organismus allein das Ziel, seine eigenen Gene optimal weiterzurreichen.

In der klassischen Ökonomie ist das autonome Wirtschaftssubjekt getrieben von einem maßlosen Gewinnstreben. Die „Gier des Ichs“ nach immer größerem Gewinn und Reichtum ist der Grundpfeiler unseres Wirtschaftssystems.

Mit einem solchen egoistischen Welt- und Menschenbild werden wir kaum zu einer geeigneten ethischen Ausrichtung und gemeinsamen Zukunftsvorstellungen gelangen, in der der Mensch mehr ist als das Produkt eines an sich sinnlosen und richtungslosen evolutionären und ökonomischen Optimierungsprozesses.

Doch trotz oder gerade als Folge unseres modernen Individualismus in dem oben beschriebenen naturalistischen und ökonomistischen Weltbild erkennen wir in uns ein tiefes Verlangen nach einem höheren gemeinschaftlichen Sinn. Darauf müssen wir aufbauen. Tatsächlich findet dieser Shift vom „Ich“ zum „Wir“, von individuellen Partikularinteressen zu einem kollektiven Bewusstsein, längst statt.

 

Sie vertreten die Ansicht, dass sich Gier in Zukunft nicht mehr lohnen wird. Was meinen Sie damit?

 

Die digitale Wirtschaft der Zukunft mit Künstlicher Intelligenz, 3D-Druckern, Robotern, etc. wird fundamental anders funktionieren als die heutige Wirtschaft, die durch den Wettkampf um begrenzte Güter gekennzeichnet ist. In der digitalen Welt verfügen wir tendenziell über nahezu unbegrenzte Ressourcen. Theoretisch stellen uns nur noch die physikalischen Gesetze der Energieerhaltung und des stetigen Entropiewachstums Grenzen auf.

Es muss also nicht derselbe Kuchen anders aufgeteilt werden. Durch Technologien werden aus dem trockenen Stück Streuselkuchen von heute nahezu beliebig viele Sahnetorten morgen, könnte man sagen. Mit anderen Worten. in der digitalen Wirtschaft der Zukunft könnte ein Grundpfeiler des klassischen Wirtschaftsmodells fehlen: Konkurrenz um beschränkte Ressourcen. Individuelle Gier lohnt sich dann nicht mehr.

 

Sie wirken eigentlich recht zuversichtlich, dass trotz der zum Teil beängstigenden Entwicklungen keine die Herrschaft der Macht- und Dateneliten droht. Müssen wir den Untergang der Menschheit, jetzt doch absagen?

 

Das weiß ich natürlich nicht. Und so absolut optimistisch äußere ich mich da auch gar nicht. Ich will nur Wege aufzeigen, die notwendig sind, um diese Dystopien zu verhindern. Mein Optimismus liegt darin, dass es diese Wege gibt und wir Menschen auch in der Lage sind, diese zu gehen. Aber natürlich gibt es auch viele Hindernisse. Und tatsächlich geht der Trend heute leider in gar keine so gute Richtung.

 

Sie glauben, für die Gestaltung der Zukunft sei eine neue „Spiritualtität“ angebracht? Geht es um eine neue Glaubenslehre?

 

Nein, ganz und gar nicht. Ich will sogar vermeiden, hier zu weit in das Gravitationsfeld herkömmlicher Religionen zu gelangen (ich habe dem Thema „Spiritualität“ und Wissenschaft zuvor ein ganzes Buch gewidmet, „Wissenschaft und Spiritualität, 2016). Ich will in dem Buch „Supermacht Wissenschaft“ aufzeigen, dass die Spiritualität, die ich meine, nichts mit Kitsch oder Esoterik zu tun hat, auch nichts mit religiösem Eifer, sondern eher einem menschlichen Selbstverständnis entspricht, und dass ein spirituelles Bewusstsein entscheidend ist, um den sich anbahnenden technologischen Möglichkeiten angemessen zu begegnen.

Spiritualität ist viel mehr als ein starrer und dogmatischer religiöser Glauben an irgendetwas Jenseitiges. Vielmehr stellt sie eher eine Art innerer Haltung dar, was die Frage von Erkenntnis – und dann des Handelns – angeht. Anstatt eines transzendenten, d.h. jenseitig begründeten Glaubensprinzips (und Prinzip des Handelns) beschreibt die Form der Spiritualität, die ich meine, einen geistigen und immanenten, d.h. diesseitigen Motivationsrahmen. Die Meister der Begrifflichkeit, die Philosophen, würden sagen, sie entspricht einer „epistemischen Orientierung“. Es geht um das Hier-und-Jetzt und nicht um irgendein Jenseitsversprechen. Es geht um Wissen-Wollen, um eine ehrliche Betrachtungen dessen, „was wirklich ist“, und nicht darum, an das zu glauben oder auf das zu hoffen, was uns am angenehmsten erscheint.

Dieses Wesensmerkmal einer spirituellen Einstellung findet sich auch in den Wissenschaften. Man könnte gar sagen: es ist dieses kompromisslose Wissen-Wollen, was Wissenschaftler zu Wissenschaftlern macht. Von genau dieser Haltung waren alle großen Wissenschaftlicher von Kopernikus, Galilei und Kepler über Newton und Linné, Maxwell und Darwin bis zu Einstein, Bohr und Feynman beseelt.

 

Zusammenfassend umfasst eine aufrichtige spirituelle Haltung zwei Dimensionen.

das aufrichtige und uneingeschränkte Streben nach Wahrheit und einem ehrlichen Erfassen des Status quo,

eine bedingungslose Unbestechlichkeit, die von Interessen frei ist.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

 

Hier gehts zum Buch: