Edgar Allen Poe

 

Edgar Allan Poe wurde am 19. Januar 1809 in Boston, Massachusetts, USA geboren und starb am 7. Oktober 1849 in Baltimore, Maryland. Er war ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er prägte entscheidend die Gattung der Kurzgeschichte sowie die Genres der Kriminalliteratur und der Horrorliteratur (Gothic Novel). Einzelne Erzählungen haben spätere Autoren der Science-Fiction wie Jules Verne beeinflusst. Seine Poesie, in Europa rezipiert von Charles Baudelaire, wurde zum Fundament des Symbolismus und damit der modernen Dichtung. Grabstein von Elizabeth Arnold Poe, Mutter von E.A.Poe, St. John’s Church, Richmond, Virginia

 

Edgar Allan Poe wurde als Sohn der in England geborenen Schauspielerin Elizabeth „Eliza“ Arnold Hopkins Poe (* 1787, † 8. Dezember 1811) und des aus Baltimore stammenden Schauspielers David Poe am 19. Januar 1809 in Boston geboren. Die beiden hatten 1806 geheiratet. Der Vater verließ die Familie 1810. Was danach aus ihm wurde, konnte bislang nicht aufgeklärt werden. 1811 starb Poes Mutter in Richmond im Alter von nur 23 Jahren an Tuberkulose. Der zweijährige Poe, sein zwei Jahre älterer Bruder William Henry Leonard und seine ein Jahr jüngere Schwester Rosalie blieben als Waisen mittellos zurück.

 

Das Schicksal der als Schauspielerin und Sängerin beliebten Elizabeth Poe erschütterte die Damen der besseren Richmonder Gesellschaft. Die kinderlose Frances Allan überzeugte ihren Mann John Allan, der ein erfolgreicher Kaufmann war, Edgar Poe in die Familie aufzunehmen. Seine Schwester Rosalie wurde von einer anderen Familie in Richmond aufgenommen, sein Bruder von Verwandten in Baltimore. John Allans Verhältnis zu dem jungen Poe war zwiespältig: Teils verwöhnte er ihn, teils war er übermäßig streng. Zwar gehörte der Junge zur Familie, wurde jedoch nicht adoptiert und Außenstehenden gegenüber als Mündel bezeichnet. Dennoch nahm Poe den Zweitnamen Allan an. Zwar hatten die Geschäfte der Firma von John Allan und seines Geschäftspartners James Ellis 1812 unter dem Britisch-Amerikanischen Krieg gelitten, entwickelten sich danach jedoch gut. Die Firma beschloss deshalb 1815, ihre Geschäfte in Europa auszubauen, wozu sich John Allan, der ursprünglich aus Schottland stammte, 1815 mit Frau, Schwägerin und Ziehsohn nach Großbritannien begab.

 

Ab Winter 1815 war Poe Zögling der Old Grammar School in Irvine, Schottland, John Allans Heimatstadt. Da die Familie selbst in London lebte und der junge Poe von ihnen nicht getrennt sein wollte, willigte John Allan ein, ihn in England (London) unterrichten zu lassen. 1816 und 1817 besuchte Poe ein Internat in Chelsea und anschließend die Schule des Reverend John Bransby in Stoke Newington, nördlich von London. Diese Schule hat in Poes Erzählung William Wilson deutliche Spuren hinterlassen.

 

 

Die Wirtschaftskrise von 1819 führte zu einem starken Abschwung der Geschäfte von Allans Firma und beinahe zu seinem Bankrott. John Allan beendete deshalb 1820 seinen Englandaufenthalt und kehrte mit der Familie nach Richmond zurück. Wegen der wirtschaftlichen Verluste und der dadurch angehäuften Schulden lebte die Familie Allan von 1820 bis 1825 in zwar nicht ärmlichen, jedoch vergleichsweise einfachen Verhältnissen. 1825 jedoch starb John Allans Onkel William Galt, einer der reichsten Männer Richmonds, und hinterließ seinem Neffen eine Dreiviertelmillion Dollar. Dieser plötzliche Reichtum wiegte den jungen Poe in der Hoffnung, einmal auch seinen Ziehvater John Allan zu beerben. In Richmond genoss Poe weiterhin eine gute Erziehung, zeigte eine hohe Begabung für Sprachen und entwickelte sich zu einem hervorragenden Sportler, insbesondere Schwimmer. Ein Schulkamerad, Thomas Ellis, berichtete:

 

„Kein Junge hatte größeren Einfluss auf mich als er. Er war in der Tat der Anführer unter den Jungen. Meine Bewunderung für ihn kannte kaum Grenzen […] Er lehrte mich Schießen, Schwimmen und Schlittschuhlaufen. Er rettete mich sogar einmal vor dem Ertrinken – allerdings hatte er mich kopfüber […] hineingestoßen.“

 

Im Alter von 14 Jahren verliebte sich Poe in Jane Stanard, die 30-jährige Mutter eines Schulfreundes. Einzelheiten über diese – vermutlich – bloße Schwärmerei sind nicht bekannt. Jane Stanard starb ein Jahr später in geistiger Umnachtung, und Poe besuchte wiederholt ihr Grab. Möglich ist, dass er in ihr Ersatz für seine verstorbene leibliche Mutter suchte. 1825/26 entwickelte sich eine Beziehung zwischen Poe und der etwa gleichaltrigen Sarah Elmira Royster. Diese endete jedoch, als Poe die Universität besuchte und Elmiras Vater, der die Beziehung ablehnte, Poes Briefe an sie abfing. Als Poe von der Universität zurückkehrte, war Elmira mit einem anderen verlobt.

 

Universität

Im Februar 1826 immatrikulierte sich Poe im Alter von 17 Jahren an der kurz zuvor von Thomas Jefferson gegründeten Universität von Virginia in Charlottesville. Dort studierte er alte und neue Sprachen. Seine Lehrer waren George Long und der Deutsche Georg Blättermann. In dieser Zeit vertiefte Poe sein Französisch, lernte vermutlich auch etwas Italienisch und Spanisch. Seine von ihm später behaupteten Kenntnisse des Griechischen, Lateinischen und Deutschen waren und blieben jedoch äußerst gering.

 

An der Universität verschuldete sich Poe, begann zu spielen und zu trinken. Die genauen Hintergründe sind nicht klar. Die Jahresgebühr für das Studium betrug 350 US-Dollar (womit die University of Virginia die teuerste Hochschule des Landes war). Hinzu kamen Kost und Logis, Bücher und Kleidung. Nach nur acht Monaten Studium hatte Poe Schulden von 2000 US-Dollar. Möglicherweise hatte John Allan ihm zu wenig Geld für die Ausbildung zugewiesen – so stellte Poe es dar. Möglich ist aber auch, dass sich Poe in einer Atmosphäre wiederfand, in der Bildung wenig galt, da die meisten anderen Studenten aus reichen Familien kamen, Exzesse die Regel waren – und dass Poe als Außenseiter versuchte, um jeden Preis standesgemäß mitzuhalten, zumal er immer noch darauf hoffen durfte, John Allan einmal zu beerben. Seine Schulden führten aber nur dazu, dass sich die Spannungen zwischen ihm und Allan verschärften. Hinzu kam möglicherweise, dass John Allan bereits einen unehelichen Sohn, Edwin Collier, hatte (um 1829 kamen zwei weitere uneheliche Kinder, Zwillinge, hinzu). Ob Frances Allan davon wusste und ob Edgar dann ihre Partei ergriff, ist unbekannt.

 

Soldat und erste Publikationen

Nach einem heftigen Streit mit John Allan im März 1827 verließ Poe das Haus der Allans und schiffte sich nach einigen Tagen nach Boston ein. Möglicherweise um Gläubigern zu entgehen, nahm Poe den Namen Henri le Rennet an (angelehnt an den Namen seines Bruders Henry Leonard). In Boston, dem Ort seiner Geburt und der Lieblingsstadt seiner Mutter, erschien im Juni oder Juli 1827 auf Kosten Poes sein erster Gedichtband Tamerlane and Other Poems. Das Buch, das nur eine sehr geringe Auflage hatte, blieb ohne kritische Resonanz.

 

Als das Buch erschien, hatte sich Poe bereits zum Dienst in der US Army verpflichtet. Der 18-Jährige gab an, er sei 22 Jahre alt und heiße Edgar A. Perry. Neben der Notwendigkeit, ein Auskommen zu finden, dürfte zu der Entscheidung auch beigetragen haben, dass Poes Großvater David Poe mit Auszeichnung im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gedient hatte, außerdem verehrte Poe den im Griechischen Unabhängigkeitskrieg gestorbenen Lord Byron und sah in ihm, der ebenfalls ein großer Schwimmer war, ein nicht nur literarisches Vorbild.

 

Poe verpflichtete sich für fünf Jahre. Im November 1827 wurde sein Regiment von Boston nach Charleston verlegt, wo er im Fort Moultrie Dienst tat; das Fort lag auf der vorgelagerten Insel Sullivan’s Island, auf der Poe Jahre später die Erzählung The Gold Bug ansiedelte. Poe wurde mehrmals befördert, 1829 zum Sergeant Major, dem höchstmöglichen Rang für einen einfachen Soldaten. Nach zwei Jahren wollte Poe die Armee verlassen – was jedoch, da er sich für fünf Jahre verpflichtet hatte, bedeutete, dass er sich freikaufen musste. Um die dafür nötigen Mittel zu bekommen, strebte er eine Versöhnung mit John Allan an. Dieser lehnte zunächst ab, lenkte aber ein, nachdem seine Frau Frances am 28. Februar 1829 gestorben war. Am 15. April 1829 wurde Poe ehrenhaft aus der Armee entlassen und kehrte nach Richmond zurück.

 

Poe plante jedoch, seine Karriere in der Armee fortzusetzen – als Offizier. Um dies zu erreichen, wollte er in die US Military Academy von West Point eintreten. John Allan unterstützte seinen Wunsch, wahrscheinlich in der Hoffnung, Poe auf diese Weise endgültig loszuwerden. Auf die Aufnahme in West Point musste Poe jedoch rund ein Jahr warten.

 

Er reiste nach Baltimore, wo Verwandte seines Vaters lebten. Dort lebte er bei seiner Tante Maria Clemm und deren Tochter, seiner Cousine Virginia Clemm. In Baltimore erschien im Dezember 1829 eine zweite Sammlung seiner Gedichte unter dem Titel Al Aaraaf, Tamerlane and Minor Poems – diesmal nicht anonym, sondern unter dem Namen Edgar A. Poe.

 

Im Juni oder Juli 1830 wurde Poe in West Point als Kadett aufgenommen. In den ersten Monaten dort zeichnete er sich durch hervorragende Leistungen aus. Als Schwerpunktfächer wählte er Französisch und Mathematik. Im Oktober 1830 heiratete John Allan seine zweite Frau Louisa Patterson. Diese neuerliche Eheschließung machte den Bruch zwischen Poe und Allan endgültig, trotz weiterer Versuche Poes, eine Wiederannäherung zu erreichen. Das Zerwürfnis führte außerdem dazu, dass Poe seine Entlassung aus der Armee provozierte, um Allan, welcher sich sehr für seine Aufnahme in West Point eingesetzt hatte, zu blamieren. Nach zahlreichen in einem Brief an Allan angekündigten Regelverstößen wurde er vor ein Kriegsgericht gestellt und der Militärakademie verwiesen.

 

Im Februar 1831 begab sich Poe von West Point nach New York und von dort im April zu seinen Verwandten nach Baltimore. Im April 1831 erschien in New York sein dritter Gedichtband unter dem Titel Poems. Finanziert hatte er das Buch durch die Subskription von Militärkameraden in West Point. Während seiner Zeit auf der Militärakademie hatte er mehrere Spottverse auf Vorgesetzte verfasst, und seine Mitkadetten waren davon ausgegangen, in dem Band sei mehr davon zu finden. Diese Hoffnung wurde enttäuscht. Poe widmete den Band dem US-Kadettenkorps. Er enthält mehrere Gedichte aus den beiden früheren Bänden, aber auch sechs zuvor unveröffentlichte, darunter frühe Versionen von To Helen und The City in the Sea.

 

Baltimore, Erzählungen, Ehe

Nicht lange nach Poes Rückkehr nach Baltimore starb sein Bruder William Henry Leonard am 1. August 1831 im Alter von 24 Jahren an den Folgen seiner Alkoholkrankheit. Obwohl Poe seinen Bruder nur selten gesehen hatte, stand er mit ihm in Briefkontakt und bewunderte ihn für seine Seereisen. William Henry Leonard hatte zudem mehrere Gedichte und Geschichten geschrieben. Bei einigen frühen Texten Poes kann sogar von einer gemeinsamen Autorschaft der beiden Brüder ausgegangen werden.

 

Über Edgar Allan Poes Leben in Baltimore zwischen 1831 und Anfang 1835 ist nur sehr wenig bekannt. Sicher ist, dass er in dieser Zeit begann, Erzählungen zu schreiben, um so ein Einkommen zu erzielen. Eine erste Geschichte, Metzengerstein, erschien am 14. Januar 1832 in Philadelphia im Saturday Courier. 1833 gewann Poe mit MS. Found in a Bottle bei einem Preisausschreiben des Baltimore Saturday Visiter die ausgelobten 50 US-Dollar. Diese Geschichte beginnt mit einer kunstvollen Vermischung von Dichtung und Wahrheit so:

 

„Von Vaterland & Familie habe ich wenig zu sagen. Ungerechte Behandlung, wie auch der Lauf der Zeit, haben mich aus dem einen vertrieben und der anderen entfremdet. Elterliche Wohlhabenheit ermöglichte mir eine Schulbildung von nicht gewöhnlicher Art.“

 

Der Preisgewinn brachte Poe in Kontakt mit dem Schriftsteller und Politiker John P. Kennedy, der ihm in der Folge half, Texte in Zeitschriften unterzubringen. Darüber hinaus stellte Kennedy den Kontakt zu Thomas W. White her, dem Herausgeber des in Richmond erscheinenden Southern Literary Messenger. White bot Poe die feste Mitarbeit in seiner noch recht neuen Zeitschrift an, und im August 1835 ging Poe nach Richmond. Nach wenigen Wochen jedoch verließ Poe den Messenger wieder und kehrte nach Baltimore zurück. Die genauen Hintergründe sind unklar. Eine Rolle dürfte gespielt haben, dass Neilson Poe (ein Verwandter) Poes Tante Maria Clemm und Cousine Virginia angeboten hatte, zu ihm zu ziehen. Das wollte Poe verhindern. Möglicherweise Ende September 1835 heiratete Poe „inoffiziell“ seine erst 13 Jahre alte Cousine Virginia, zumindest jedoch verlobten sich die beiden. Poe sah in seiner viel jüngeren Cousine wohl lange eher eine Schwester als eine Ehefrau; er nannte sie „Sissy“ (Schwesterchen) und seine Tante Maria „Muddy“ (Mutti).

 

Kurz darauf kam es zu einer erneuten Verständigung mit White. Im Oktober 1835 kehrte Poe zusammen mit Maria Clemm und Virginia nach Richmond zurück. Thomas W. White muss Poes Arbeit für seine Zeitschrift geschätzt haben. Dennoch schickte er ihm diese warnenden Worte:

 

„Edgar, solltest Du wieder durch diese Straßen streifen, fürchte ich, wirst Du auch wieder süffeln, so lang, bis Du ganz von Sinnen bist. […] Auf keinen, der vor dem Frühstück trinkt, ist Verlass!“

 

Poe sollte bis Januar 1837 für den Messenger arbeiten. Während dieser Zeit stieg, Poes Angaben zufolge, die Auflage des Messenger von unter 1.000 auf 5.000 Exemplare an. Poes Mitarbeit sorgte dafür, dass die Zeitschrift bekannt wurde, wozu neben seinen Prosaarbeiten vor allem sein schnell wachsender Ruf als scharfzüngiger Literaturkritiker beitrug.

 

Am 16. März 1836 heiratete Poe offiziell seine Cousine Virginia. Auf der Urkunde wird ihr Alter mit 21 angegeben. Tatsächlich war Virginia zu dieser Zeit 13 Jahre alt, Poe 27.

 

Richmond und New York – Arthur Gordon Pym

In Richmond entstand 1836 Poes Essay Maelzel's Chess-Player über den auch als Schachtürken bekannten Automaten. Zwar war Poe nicht der Erste, der nachwies, dass sich in dem vermeintlichen Roboter ein kleinwüchsiger Mensch verbergen musste, aber die detaillierte Technik seiner Beweisführung bereitete seine späteren Detektivgeschichten vor. Zu den Erzählungen, die in dieser Zeit entstanden und im Messenger erstveröffentlicht wurden, gehören Berenice, Morella, Hans Pfaall – A Tale und Loss of Breath. Auch Teile seines einzigen Romans The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket erschienen als Fortsetzungsgeschichte im Messenger.

 

All dies förderte Poes Ansehen als Prosaautor. Mehr als die Erzählungen trugen jedoch seine manchmal bewunderten, oft gefürchteten Literaturkritiken dazu bei, seinen Namen bekannt zu machen. Poe versuchte, die Provinzialität des US-amerikanischen Literaturbetriebs zu überwinden und allgemeingültige, ästhetische Maßstäbe an die besprochenen Werke anzulegen. In einer Besprechung heißt es:

 

„Großmäulig sind wir geworden und eitel im verblendeten Stolz ob einer allzu rasch errungnen, litterarischen Freiheit. Unter anmaßendstem, sinnlosesten Hochmut verwerfen wir jedwede Achtung vor fremder Meinung - vergessen wir […], daß die wahre Schaubühne für den Litteratur-Beflissenen einzig und allein nur die ganze Welt sein kann - erheben ein groß Geschrei ob der Notwendigkeit, unseren verdienstvollen, heimischen Schriftstellern Mut zu machen […] und machen uns gar nicht erst die Mühe, zu erwägen, daß ja Alles, was wir dergestalt als Ermutigung bezeichnen, durch so unterschiedlose Anwendung zu gerade Gegenteil dessen führt, was wir recht eigentlich erreichen wollen.“

 

Im Februar 1837 zog Poe mit seiner kleinen Familie für etwa 15 Monate nach New York. Für die Folgezeit, bis etwa Mai 1839, liegen so gut wie keine biografischen Zeugnisse über Poe vor. Seine Hoffnungen, in New York eine Anstellung bei einer Zeitschrift zu finden, vielleicht sogar ein eigenes Magazin zu gründen, erfüllten sich nicht. Dazu hat wohl die schwere Wirtschaftskrise von 1837 beigetragen, an deren Folgen auch Verleger und Zeitschriften zu leiden hatten.

 

Poe arbeitete in dieser Zeit weiter an The Narrative of Arthur Gordon Pym. Er erschien im Juli 1838 bei Harper & Brothers und wurde vorwiegend positiv besprochen. Er verließ New York im Sommer 1838 und zog mit Maria Clemm und Virginia nach Philadelphia.

 

Philadelphia und Dupin

1838 schlug Poe sich mit Arbeiten für verschiedene Zeitschriften durch. In The American Museum of Science, Literature, and the Arts erschien im September eine seiner bedeutendsten Erzählungen, Ligeia.

 

In Philadelphia wurde Poe im Juni 1839 Redakteur und später Mitherausgeber von Burton's Gentleman's Magazine. Neben der Büroarbeit und seiner Redakteurstätigkeit schrieb er eine Vielzahl von Artikeln über so unterschiedliche Themen wie Sportgeräte, Vogelkunde, Ballonfahrten und Daguerreotypie. Dazu kamen wie zuvor Buchbesprechungen und auch Erzählungen wie The Man That Was Used Up, The Journal of Julius Rodman, William Wilson und The Fall of the House of Usher. Des Weiteren schrieb er Essays wie beispielsweise eine Abhandlung über Inneneinrichtung, The Philosophy of Furniture.

 

Da er bei Burton's für eigene Texte nur sein Redakteursgehalt bekam, besserte er seine Einkünfte auf, indem er für andere Publikationen wie Alexander's Weekly Messenger arbeitete. Bekannt wurde er dort durch seine Veröffentlichungen zur Kryptographie. Besonders beliebt waren Wettbewerbe, bei denen er versicherte, jeden in Geheimschrift eingesandten Text entziffern zu können – was ihm gelang. Hierzu ist jedoch zu bemerken, dass es sich bei den zur Einsendung erlaubten Chiffren um simple Substitutionsverschlüsselungen handelte.

 

Im Dezember 1839 erschien die erste Sammlung von Erzählungen Poes unter dem Titel Tales of the Grotesque and Arabesque. Auf fünfhundert Seiten und in zwei Bänden versammelte sie fünfundzwanzig Geschichten. Das Buch wurde an die zwanzig Mal besprochen, und die meisten Rezensionen fielen positiv aus.

 

Im Juni verließ Poe Burton's und versuchte, eine eigene Zeitschrift zu gründen, die The Penn heißen sollte, ein Wortspiel aus „pen“ (der Stift) und Pennsylvania. Später änderte er den Namen des Projekts in The Stylus und verfolgte es noch bis zu seinem Tod weiter. Es gelang ihm jedoch nie, das dazu nötige Startkapital aufzutreiben.

 

Anfang 1841 wechselte der Besitzer von Burton's, und die Zeitschrift wurde in Graham's Lady's and Gentlemen's Magazine umbenannt. Hier erschien Poes erste Detektivgeschichte The Murders in the Rue Morgue, in der er den Pariser Detektiv C. Auguste Dupin kreierte (das Wort „detective“ kam durch Poe in die englische Sprache).[44] Weiter erschien dort The Colloquy of Monos and Una.

 

Im April 1842 verließ er Graham’s. Um ein sicheres Einkommen zu haben, bewarb er sich in dieser Zeit um eine Beamtenstelle beim Zoll. Trotz guter, durch Bekannte vermittelter Beziehungen in die Politik – anders wurden solche Positionen nicht vergeben – bekam er den Posten jedoch nicht.

 

1842 verschlechterte sich Virginia Poes Gesundheit. Sie erlitt beim Singen einen Blutsturz – ein sicheres Zeichen für ihre Tuberkulose. Die Erkrankung seiner Frau verarbeitete Poe in dieser Zeit in den Erzählungen Life in Death (später änderte er den Titel zu The Oval Portrait) und The Masque of the Red Death.

 

Im März 1842 lernte Poe in Philadelphia Charles Dickens kennen, dessen Werke er schätzte und wiederholt positiv besprach. Dickens versprach Poe, sich bei englischen Verlegern für seine Schriften einzusetzen (bis dato waren sie, da es kein internationales Copyright gab, in Großbritannien zwar nachgedruckt worden, Poe erhielt jedoch kein Honorar). Obwohl sich Dickens nach seiner Rückkehr nach England für Poe einsetzte, hatten seine Bemühungen keinen Erfolg.

 

Im April 1844 verließ Poe mit seiner Familie Philadelphia in Richtung New York – in der Hoffnung, auf dem dortigen Zeitschriftenmarkt ein besseres Einkommen erzielen zu können.

 

New York und Der Rabe

Poe hatte seinen Ruf in Philadelphia durch gelegentliche Alkoholexzesse ruiniert. Spricht man von „Exzessen“, muss man jedoch die strengen, religiösen Maßstäbe der Zeit berücksichtigen, die im von Quäkern geprägten Philadelphia besonders strikt waren. Sicher ist, dass Poe gelegentlich, vor allem in Krisensituationen, stark trank. Auch hier sind die Zeugnisse aber sehr unterschiedlich. Mehrere Bekannte Poes berichten, dass er bereits nach einem Glas Wein vollständig betrunken war – möglicherweise Zeichen einer Alkoholunverträglichkeit. Andere Zeugnisse deuten darauf hin, dass Poe dem Typus eines „Quartalssäufers“ entsprach, nach dem Jellinek-Konzept „Epsilon-Typ“ genannt.

 

In New York arbeitete Poe für den Evening Mirror, wo er vor allem journalistische Kurztexte unterschiedlichster Art veröffentlichte und Artikel anderer Journalisten redigierte. Das brachte ihm ein sicheres Einkommen von 15 US-Dollar in der Woche ein. Literarische Arbeiten brachte er in anderen Magazinen unter. Zu den wichtigsten aus dieser Zeit gehören The Oblong Box und die Dupin-Geschichte The Purloined Letter (beide 1844). Auch sein bekanntestes Gedicht The Raven (1845) entstand in New York.

 

Der Erfolg von The Raven machte Poe erstmals auch als Lyriker bekannt. Das Gedicht wurde vielfach nachgedruckt und Poe immer wieder zu Rezitationen eingeladen. Den Erfolg nahm er zum Anlass, in dem Aufsatz The Philosophy of Composition (1846) seine dem Ästhetizismus und Symbolismus den Weg bereitende Auffassung von Dichtung darzulegen. Laut Poe kommt es bei einem Gedicht vor allem auf die „Einheit des Effekts“ an. Die Komposition von Lyrik beschreibt er als methodische, analytische Arbeit, die nichts mit Spontanität oder Intuition zu tun habe. Ob dies den tatsächlichen Prozess der Entstehung von The Raven beschreibt, ist fraglich.

 

In seiner New Yorker Zeit betrieb Poe weiterhin Literaturkritik und steigerte seine teils polemischen Ausfälle gegen andere Autoren. Seine Angriffe auf den im 19. Jahrhundert als bedeutendster Dichter der USA geltenden Henry Wadsworth Longfellow führten zum sogenannten Longfellow-Krieg. Poe warf Longfellow wiederholt vor, ein wenig origineller Schriftsteller zu sein (ein Urteil, das die moderne Literaturwissenschaft teilt). Darüber hinaus unterstellte er ihm immer wieder – nicht immer zu Recht –, ein Plagiator zu sein. Einige der Vorwürfe sind umso problematischer, als Poe sich selbst gerne bei anderen Autoren bediente. Neben Poes berechtigter und scharfsinniger Literaturkritik dürfte die Schärfe seines Tons auf sehr persönlichen Motiven beruhen: Poe war Berufsschriftsteller und wurde für seine Arbeit, wenn überhaupt, nur gering bezahlt; Longfellow war ein wohlhabender Erbe, der reich geheiratet hatte und als Privatier leben konnte. Hinter der persönlichen Polemik (auf die Longfellow selbst nie antwortete) verbirgt sich der Gegensatz zwischen einem modernen Autor, der Schriftstellerei als Beruf versteht, und der älteren Idee des Autors als Amateur (im ursprünglichen Sinne der „Liebhaberei“), eines keinen Zwängen unterworfenen, zu Höherem berufenen Freigeists. Letztlich hatten Poes literarische Fehden dieser Zeit zur Folge, dass er es sich mit vielen Autoren und Verlegern verdarb. Sie führten auch zu rufschädigenden Anfeindungen gegen Poe, die noch lange nach seinem frühen Tod das Bild seiner Persönlichkeit verdunkelten.

 

Die meiste Zeit lebte Poe nicht in Manhattan, sondern in einem kleinen Landhaus nördlich der Stadt im damals noch ganz ländlichen Fordham (heute in der Bronx). In Fordham verschlechterte sich Virginias Gesundheitszustand, und zu Poes Entsetzen erhielt sie anonyme Briefe, in denen er eines Verhältnisses zu der Dichterin Frances Sargent Osgood bezichtigt wurde. 1847 starb Virginia im Alter von 24 Jahren. Poe brachte seine Trauer unter anderem in dem Gedicht Annabel Lee zum Ausdruck, das er im September 1849 kurz vor seinem Tod dem Herausgeber der Southern Literary Messenger in Richmond übergab.

 

1847 entstand Poes schwierig einzuordnender Essay Eureka. Poe versuchte darin, kosmologische Spekulationen mit Philosophie und Ästhetik zu verbinden. Naturwissenschaftlich gingen viele seiner Überlegungen auf Pierre-Simon Laplace, vor allem dessen Nebularhypothese, zurück. Poe erweiterte diese, ohne dafür naturwissenschaftliche Beweise zu haben, um eine Art Urknalltheorie.

 

Auch in seinen Erzählungen und Gedichten schlug er neue Richtungen ein. Sowohl Ulalume als auch The Bells radikalisieren das Gedicht in Richtung einer Lautpoesie. In den Erzählungen The Cask of Amontillado und Hop-Frog wandelte Poe womöglich seinen Hass auf literarische Rivalen in künstlerisch bedeutende Rachefantasien um.

 

Nach Virginias Tod suchte Poe eine neue Partnerin. Neben eher schwärmerischen Beziehungen zu zwei verheirateten Frauen bemühte er sich ernsthaft um die Dichterin Sarah Helen Whitman. Die beiden verlobten sich, doch wurde die Verlobung wieder aufgelöst, da Whitman an Poes Zuverlässigkeit zweifelte (sie erhielt zahlreiche Briefe, die Poe anschwärzten), und vor allem, da ihre Mutter eine Ehe mit Poe um jeden Preis verhindern wollte. Nach dem Scheitern der Verlobung nahm Poe, vermutlich in Selbstmordabsicht, eine Überdosis Laudanum zu sich, überlebte jedoch. Dies ist der einzig sicher dokumentierte Fall, in dem Poe Opium einnahm. Spätere Behauptungen, Poe habe regelmäßig Opium zu sich genommen und sei abhängig gewesen, gelten als widerlegt.

 

1849 traf Poe in Richmond seine Jugendliebe Elmira Shelton (geb. Royster) wieder. Sie war mittlerweile verwitwet. Nach einer kurzen Werbung akzeptierte sie Poes Antrag, und die beiden verlobten sich.

 

Tod in Baltimore

Poe verließ Richmond am Morgen des 27. September 1849. Ziel seiner Reise war sein Haus in Fordham. Dort wollte er die Vorbereitung seiner Hochzeit mit Elmira Shelton vorantreiben und auf dem Weg Abonnenten für seine geplante Zeitschrift The Stylus gewinnen. Der erste Abschnitt von Poes Reise führte per Schiff von Richmond nach Baltimore. Was in der folgenden Woche geschah und wo Poe sich aufhielt, ist nicht bekannt.

 

Am 3. Oktober 1849 traf ein Drucker namens Joseph W. Walker Poe vor dem Lokal Ryan’s Tavern (auch bekannt als Gunner’s Hall) an. Poe machte einen abgerissenen und verwirrten Eindruck und schien betrunken und/oder schwer krank zu sein. Walker verständigte auf Poes Bitte hin einen Bekannten, Dr. Joseph E. Snodgrass. Da ein ebenfalls verständigter Verwandter Poes es ablehnte, sich um ihn zu kümmern, wurde Poe in das Washington Medical College in Baltimore eingeliefert. Dort kümmerte sich der Arzt Dr. John J. Moran um ihn. Poe starb am 7. Oktober 1849. Die Umstände des Todes sind unklar, die Todesursache ist unbekannt.

 

Der Arzt Dr. Moran hinterließ mehrere Berichte über Poes Zustand und Tod. Sie sind in der Rückschau verfasst und widersprechen einander sowie den Zeugnissen anderer Augenzeugen in zahlreichen Punkten. Für die Forschung sind sie kaum zu verwerten, da Unterlagen des Krankenhauses nicht erhalten sind. Die Zahl der Theorien darüber, woran Poe starb, ist groß. Sie reichen von Selbstmord und Mord über Schäden durch Alkoholismus bis hin zu Diabetes, Cholera, Tollwut und Syphilis. Ebenfalls unbelegt ist das Gerücht, Poe sei das Opfer sogenannter Wahlschlepper geworden, skrupelloser Helfer von Politikern, die an Wahltagen Menschen von der Straße aufgriffen, sie betrunken machten und sie so dazu bringen wollten, für „ihren“ Kandidaten zu stimmen.

 

Poe wurde in Baltimore auf dem Friedhof der ehemaligen presbyterianischen Westminster-Kirche (heute: Westminster Hall and Burying Ground) begraben. Virginia und Maria Clemm wurden nach einer Umbettung neben ihm beigesetzt.

 

Werk

Poes Frühwerk ist beeinflusst von George Gordon Byron sowie von Autoren der deutschen Romantik, wie beispielsweise E.T.A. Hoffmann und Friedrich de la Motte Fouqué. Später wurde er unter anderem von Charles Dickens, den er persönlich kennenlernte, und Fürst Hermann von Pückler-Muskau beeinflusst.

 

Zu seinen stilprägenden Erzählungen – nicht zuletzt, weil er ein Virtuose des Grauens war – gehören die Kurzgeschichte Der Untergang des Hauses Usher (The Fall of the House of Usher), die als Beispielwerk der Schwarzen Romantik gilt, und Poes einziger Roman The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket. Mit Der Doppelmord in der Rue Morgue (The Murders in the Rue Morgue) gilt Poe als einer der Erfinder der Detektivgeschichte und des deduktiv arbeitenden Krimihelden, der seine Fälle durch Logik und Kombinationsgabe löst.

 

Poes großes Sujet, das in vielen Geschichten immer wieder auftaucht, ist der Tod einer schönen Frau (Morella, Ligeia, Annabel Lee). Oft thematisiert wird die Vorstellung einer lebendig begrabenen Person (The Fall of the House of Usher, The Premature Burial, The Cask of Amontillado). Vielfach erscheinen in Poes Geschichten Personen, die geradezu vom „Wahn“ gepackt ihr eigenes Unglück provozieren oder trotz Kenntnis des sich anbahnenden Ungemachs scheinbar machtlos direkt in ihr Verderben laufen und sich darüber verzehren (The Tell-Tale Heart, The Black Cat).

 

Ebenfalls von großer Bedeutung ist sein lyrisches Werk. Der Rabe (englisch The Raven) und The Bells gelten als die ersten bedeutenden Gedichte Amerikas in der Weltliteratur. Poe maß bei der Konzeption seiner Gedichte der Musik und dem logisch-formalen Aufbau einen hohen Stellenwert bei und sorgte oft für die klangliche Veranschaulichung der im Gedicht beschriebenen Dinge (The Bells), was ihn zu einem Vorläufer des Symbolismus machte.

 

Sein zu Lebzeiten erfolgreichstes Buch war ein malakologisches Schulbuch mit dem Titel The Conchologist’s first book or, a system of testaceous malacology (Malakologie = Wissenschaft der Weichtiere). Dieses Buch wurde allerdings nicht von ihm selbst verfasst, sondern der Verlag wollte mit dem Namen Poes die Verkaufszahlen erhöhen. Poe schrieb lediglich das Vorwort und bekam eine erkleckliche Summe Geld für diesen Handel. Poe beschäftigte sich auch stark mit Fragen der Logik, so mit Geheimschriften (z.B. in Der Goldkäfer) und sogenannten Automaten – frühen Robotern –, beispielsweise im Aufsatz Maelzels Schachspieler über einen Schachautomaten.

 

Poes Werk umfasst Erzählungen, Lyrik, Satiren, Essays, literaturwissenschaftliche (Das poetische Prinzip, postum erschienen) und höchst komplexe naturwissenschaftliche Abhandlungen. Es ist als Ganzes nicht einfach unter einen Oberbegriff zu bringen. Trotzdem wird Poe – auch dank zahlreicher Verfilmungen – sein Image als „Horrorautor“ wohl nie ganz verlieren.

 

Deutsche Ausgaben

  • Charles Baudelaire (Hrsg.): Edgar Allan Poe. Unheimliche Geschichten. dtv, München 2017, ISBN 978-3-423-28118-8. (Auswahl basiert auf der Ausgabe bei Michel Lévy, Paris 1856; Grundlage der Neuübersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Nohl ist James A. Harrison (Hrsg.): The Complete Works of Edgar Allan Poe. New York 1902)

  • Kuno Schuhmann, Hans Dieter Müller (Hrsg.): Edgar Allan Poe. Werke. Insel, Frankfurt am Main und Leipzig 2008, ISBN 978-3-458-17416-5. (Vier Bände mit Anmerkungen und Register; Übersetzung von Richard Kruse, Friedrich Polakovics, Arno Schmidt, Ursula Wernicke und Hans Wollschläger)

 

Rezeption

Nachruhm

Dass Poe in den USA so nachhaltig verdammt und als zügellos und alkoholabhängig hingestellt wurde, liegt unter anderem an seiner Verfeindung mit den führenden Literaten und Verlagen seiner Zeit, die er immer wieder in bissigen und harten Satiren angegriffen hatte. Sein von ihm selbst bestellter Nachlassverwalter Rufus Wilmot Griswold sorgte dafür, dass sich das Bild Poes als das eines trunksüchtigen Sünders in den USA verfestigte.

 

Poes Gedichte und Erzählungen mit ihrer meisterhaften Kunstfertigkeit und ihrer düsteren Atmosphäre des Verfalls inspirierten zahlreiche Schriftsteller der Dekadenzdichtung und des Symbolismus vor allem im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, wie etwa Stéphane Mallarmé, Paul Verlaine, Ernest Dowson und Oscar Wilde.

 

Durch die Franzosen Charles Baudelaire und Stéphane Mallarmé, die zahlreiche Werke Poes übersetzten, wurde Poe in Europa berühmt – und auf diesem Umweg auch in den USA als bedeutender Autor anerkannt. 1864 veröffentlichte der französische Schriftsteller Jules Verne im Alter von 34 Jahren seinen einzigen literarischen Essay mit dem Titel Edgard Poe et ses œuvres und drückte darin seine Bewunderung für Poes Schaffen aus. Einige von Vernes bekanntesten Werken wurden durch Poes Erzählungen inspiriert.

 

Am Ende des 19. Jahrhunderts würdigten auch berühmte Science-Fiction-Autoren wie z.B. H. G. Wells und bekannte Verfasser von Detektivgeschichten wie Arthur Conan Doyle ihre eigene tiefgehende Verbindlichkeit Poe gegenüber. Im 20. Jahrhundert erkannten so unterschiedliche Autoren wie Franz Kafka, H. P. Lovecraft, Vladimir Nabokov oder Stephen King die große Bedeutung Poes für ihr eigenes Schaffen an. Selbst Maler wie René Magritte und Edmund Dulac waren von ihm fasziniert und bekannte Regisseure wie Roger Corman und Alfred Hitchcock ließen sich von Poe anregen.

 

Im deutschsprachigen Raum wurde Poe Anfang des 20. Jahrhunderts populär, als eine zehnbändige Ausgabe der Werke Poes durch Arthur Moeller van den Bruck und Hedda Eulenberg herausgegeben wurde (1901–04). Im Umfeld des Expressionismus entwickelte sich hier eine starke Rezeption seiner Werke.

 

Seit 1922 erinnert das Edgar Allan Poe Museum in Richmond (Virginia) an Leben und Werk des Autors. In Philadelphia steht noch das Haus, das er von 1838 bis 1844 bewohnte (Edgar Allan Poe National Historic Site). Das von Poe, Maria und Virginia Clemm in Baltimore von 1833 bis 1835 bewohnte Haus (das älteste erhaltene Gebäude, in dem der Dichter gewohnt hat) wurde in privater Initiative restauriert und ist seit Mai 2014 an Wochenenden für Besucher geöffnet.

 

„In der Literaturgeschichte gibt es vergleichbare Schicksale, wahre Verdammnisse – Männer, in deren gewundene Stirnfalten das Wort ‚Pech’ in rätselhaften Zeichen eingegraben ist. […] Vergebens zeigt ihr Leben Talente, Tugenden, Begnadung, die Gesellschaft bricht über sie den Stab und klagt sie charakterlicher Laster an, die nur aus der Verfolgung durch die Gesellschaft entstanden sind. […] All die Dokumente, die ich gelesen habe, haben in mir die Überzeugung gefestigt, dass die Vereinigten Staaten für Poe nichts als ein großes Gefängnis waren, das er mit der fieberhaften Erregtheit eines Wesens durchstreifte, das für eine schönere Welt geschaffen ist – als für diese von Gaslicht erhellte große Barbarei – und dass das Geistesleben des Dichters und sogar des Trunkenbolds eine einzige ununterbrochene Anstrengung war, sich dem Einfluss dieser widerwärtigen Atmosphäre zu entziehen.“

 

– Charles Baudelaire: Edgar Poe, sa vie et ses œuvres

 

Literatur

Poe hatte großen Einfluss auf den Symbolismus und die Entwicklung der phantastischen Literatur und der Kriminalliteratur, insbesondere auf die Werke von Jules Verne, Arthur Conan Doyle und H. G. Wells. Poes Werk hat zahlreiche bedeutende Autoren der klassischen Moderne wesentlich inspiriert, unter anderen Stéphane Mallarmé, Vladimir Nabokov und Arno Schmidt.

 

Die wohl bedeutendsten Übersetzer der Werke Poes ins Deutsche sind Hedda Eulenberg, Arno Schmidt und Hans Wollschläger. In Frankreich sind Charles Baudelaires Poe-Übersetzungen maßgeblich.

 

  • Jules Verne schrieb mit Die Eissphinx (1897) eine Fortsetzung der auf ihrem Höhepunkt abbrechenden Geschichte The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket.

  • H. P. Lovecraft schrieb 1931 mit Berge des Wahnsinns eine weitere Fortsetzung, in der eine äußerst überraschende Erklärung der bei Poe und Verne beschriebenen Phänomene erfolgt.

  • Arno Schmidt ließ seine fiktive Hauptfigur Daniel Pagenstecher in seinem 1970 erschienenen Hauptwerk Zettel’s Traum Leben und Werk Poes mittels der von ihm entwickelten „Etym-Theorie“ analysieren.[68]

  • Der deutsche Puppenspieler und Rezitator Gerd J. Pohl widmete Poe seit 1990 drei Literaturprogramme: Ein Abend mit Edgar Allan Poe, Schweigen – erzählter Wahnsinn und Geschichten aus dem Schattenreich.

  • Der brasilianische Autor Luis Fernando Verissimo schuf mit dem Roman Vogelsteins Verwirrung (2000)[69] ein literarisches Detektivspiel zwischen dem Übersetzer Vogelstein und dem Schriftsteller Jorge Luis Borges mit Motiven aus Poes Erzählungen Der Mord in der Rue Morgue und Der Goldkäfer. Als Handlungsrahmen dient ein Edgar Allan Poe-Kongress in Buenos Aires, an dem einer der Forscher in seinem Hotelzimmer, trotz von innen verschlossener Türen, ermordet wird.

  • Der deutsche Autor Patrick Roth schrieb für seinen Erzählband Die Nacht der Zeitlosen (2001) die Erzählung Das Verräterische Herz, Poes The Tell-Tale Heart, übertragen auf das Erleben eines Oberschülers, der sich unsterblich in seine englische Nachhilfelehrerin verliebt. 2005 hat Roth eine deutsch-englische Ausgabe mit Poe-Geschichten herausgegeben und mit einem Vorwort versehen: Edgar Allan Poe. Shadow/Schatten (Frankfurt a. M.: Insel).

  • Der US-amerikanische Autor Matthew Pearl verwendet in seinem Roman The Poe Shadow (2006; dt. Titel: Die Stunde des Raben) die von Poe geschaffene Detektivfigur Dupin.

  • Der Autor Robert C. Marley beschäftigt sich in seinem Kurzroman Todesuhr (engl. Titel Tell-tale Twins) mit den letzten Tagen Poes. (Lübbe 2013/14)

  • Ray Bradbury lässt Poe, der zusammen mit anderen Schriftstellern der phantastischen Literatur verbannt auf dem Mars lebt, in seiner Kurzgeschichte Die Verbannten auftreten.

 

Film

Die Werke und auch die Person von Edgar Allan Poe haben Filmemacher schon sehr früh inspiriert. Laut Imdb  basieren weit über 300 Filme auf Erzählungen und Gedichten von Poe - einige davon nah am Original, viele gehen aber auch sehr frei mit ihren Vorlagen um und nutzen oft nur Ideen des Autors als Ausgangspunkt für ganz eigene Geschichten. Im Folgenden nur eine kleine Auswahl der wichtigsten Adaptionen.

 

  • Als früheste Poe-Verfilmung gilt der verschollene stumme Kurzfilm Sherlock Holmes in the Great Murder Mystery von 1908. Regisseur und Darsteller sind unbekannt, als Vorlage diente Mord in der Rue Morgue. Allerdings wurde Poes Gestalt des Auguste Dupin durch Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes ersetzt. (Der Film markiert nebenbei zugleich den ersten Leinwandauftritt von Dr. Watson, anstelle des namenlosen Ich-Erzählers aus Poes Vorlage.)

  • 1909: Der Kurzfilm Edgar Allan Poe [4] von David Wark Griffith gilt als erster biographischer Film über Poe.

  • 1919: Der deutsche Stummfilm Unheimliche Geschichten von Richard Oswald mit Conrad Veidt besteht aus mehreren Episoden, die dritte davon basiert auf Poes Der schwarze Kater.

  • 1928 verfilmte der polnisch-französische Avantgarde-Regisseur Jean Epstein La Chute de la Maison Usher (dt.: Der Untergang des Hauses Usher). Erstmals in der Filmgeschichte wurde Zeitlupe als dramaturgisches Stilmittel eingesetzt.

  • 1932 drehte Robert Florey Mord in der Rue Morgue, mit Bela Lugosi in der Hauptrolle und sehr lose auf Poes gleichnamiger Story beruhend.

  • 1932: Unheimliche Geschichten von Richard Oswald, Tonfilm-Neufassung des gleichnamigen Stummfilms von 1919, mit Paul Wegener. Auch hier stand Der schwarze Kater Pate für einen Teil der Handlung.

  • 1934 entstand unter der Regie von Edgar G. Ulmer Die schwarze Katze, mit Lugosi und Boris Karloff. Darin sind Anlehnungen an Poes Der schwarze Kater enthalten.

  • 1935: Der Rabe von Lew Landers, wieder mit Lugosi und Karloff. Hier steht ein halbwahnsinniger Poe-Verehrer im Mittelpunkt. Poes Gedicht wird zitiert und ist in einer Ballettversion zu sehen, die Klimax des Films beruht auf Die Grube und das Pendel.

  • Der Kurzfilm Bérénice von 1954 (Regie: Eric Rohmer) basiert auf Poes gleichnamiger Erzählung.

  • In den 1960ern verfilmte der Regisseur Roger Corman eine Reihe von Poes Werken unter Mitwirkung von Vincent Price: u. a.

    • House of Usher (1960) (dt. Titel: Die Verfluchten / Der Untergang des Hauses Usher)

    • Pit and the Pendulum (1961) (dt.: Das Pendel des Todes / Die Grube und das Pendel)

    • The Premature Burial (1962) (dt.: Lebendig begraben. In der Hauptrolle diesmal Ray Milland anstelle von Price)

    • Tales of Terror (1962) (dt.: Der grauenvolle Mr. X - Episodenfilm, basierend auf den Erzählungen Morella, Der schwarze Kater, Das Fass Amontillado und Die Tatsachen im Fall Valdemar)

    • The Raven (1963) (dt.: Der Rabe – Duell der Zauberer)

    • The Masque of the Red Death (1964) (dt.: Satanas – Das Schloß der blutigen Bestie / Die Maske des Roten Todes)

    • The Tomb of Ligeia (1964) (dt.: Das Grab der Lygeia)

  • In Danza macabra von 1964 (Regie: Antonio Margheriti) taucht Poe als Figur in der Rahmenhandlung auf und zitiert Passagen aus Berenice.

  • 1965 verfilmte Jacques Tourneur mit Stadt im Meer das Gedicht City in the Sea, erneut mit Vincent Price in einer Hauptrolle.

  • 1967: Torture Garden (dt.: Der Foltergarten des Dr. Diabolo), ein Amicus-Episodenfilm von Freddie Francis. In der vierten Episode The Man Who Collected Poe geht es um einen Sammler von Poe-Manuskripten (Peter Cushing), zu dessen Kollektion auch der zur Unsterblichkeit verfluchte Edgar Allan Poe selber gehört.

  • 1968 wurden drei Poe-Erzählungen von Meisterregiseuren verfilmt: Histoires extraordinaires (dt.: Außergewöhnliche Geschichten) (Regie: Roger Vadim, Louis Malle, Federico Fellini; mit Alain Delon, Jane Fonda, Brigitte Bardot)

  • 1971: A.C. Dupin zasahuje - dreiteilige tschechische TV-Serie (Regie: Martin Holly jr.), nach den drei Auguste-Dupin-Geschichten von Poe: Mord in der Rue Morgue, Der entwendete Brief und Das Geheimnis der Marie Rogêt.

  • 1971 erschien auch Dracula im Schloß des Schreckens, das farbige Remake von Danza Macabra (1964), wieder von Margheriti inszeniert. Den Poe spielt in dieser Version Klaus Kinski.

  • Der polnische Kurzfilm Beczka amontillado (1972), Regie: Leon Jeannot, nach Das Fass Amontillado, gilt als eine der originalgetreuesten Poe-Verfilmungen.

  • 1981: Il gatto nero (dt.: The Black Cat) von Lucio Fulci, frei nach Der schwarze Kater.

  • 1988 wurde Der entwendete Brief verfilmt, Regie: Stefan Bender.

  • 1990: Due occhi diabolici (dt.: Two Evil Eyes) - zweiteiliger Episodenfilm von George A. Romero (nach Die Tatsachen im Fall Valdemar) und Dario Argento (nach Der schwarze Kater, mit Harvey Keitel).

  • 1991 verband Stuart Gordon in The Pit and the Pendulum (dt.: Meister des Grauens) Motive aus Die Grube und das Pendel und Das Fass Amontillado mit einer frei erfundenen Rahmenhandlung, die in der Zeit der spanischen Inquisition spielt.

  • 1992 wurde in der Zeichentrickreihe Die Simpsons in der Folge Horror frei Haus (Treehouse of Horror / Produktions-Code 7F04) eine Simpson-Variante von Der Rabe (Poe) gezeigt.

  • Im September 2000 wollte die New York University das Haus abreißen, in dem Poe das Gedicht Der Rabe verfasst hatte. Die Filmemacher Dietmar Post und Lucía Palacios begleiteten den politischen Aktivisten Reverend Billy bei der Auseinandersetzung um die Erhaltung des „Poe-Hauses“. In dem Film Reverend Billy and the Church of Stop Shopping wird die Entstehungsgeschichte des Werks behandelt und das Gedicht während einer Demonstration auch rezitiert.

  • 2005 kombinierte der teilanimierte Spielfilm Šílení des tschechischen Regisseurs Jan Švankmajer Elemente aus Poes Premature Burial und The System of Doctor Tarr and Professor Fether mit Werken des Marquis de Sade.

  • 2006 erschien der Kurzfilm (15 min.) The Raven – The Philosophy of Composition, Regie: Christof Wolf, der auf Poes gleichnamigen Essay eingeht.

  • 2007 erschien The Black Cat von Stuart Gordon (als 11. Episode der 2. Staffel der TV-Serie Masters of Horror). Der Film verbindet Elemente aus Der schwarze Kater mit Ereignissen aus dem Leben von Poe (verkörpert von Jeffrey Combs).

  • 2008 wurde sein Werk The Facts in the Case of M. Valdemar verfilmt. Die Handlung wurde in die heutige Zeit verlegt. Der britische Independent-Film erschien unter dem Titel The Chair 2009 in Deutschland auf DVD.

  • 2009: The Tomb (dt.: Das Grab der Ligeia) - Regie: Michael Staininger

  • 2011: Twixt (dt.: Twixt – Virginias Geheimnis) von Francis Ford Coppola, mit Val Kilmer. Keine direkte Poe-Verfilmung, aber voller Anspielungen auf sein Werk, Poe selber erscheint als Figur der Handlung.

  • 2012 wurden die letzten Tage von Edgar Allan Poe fiktional in The Raven – Prophet des Teufels dargestellt.

  • Von 2013 bis 2015 wurde die US-Serie The Following gedreht, in der ein Serienkiller sich durch die Werke Edgar Allan Poes inspirieren ließ.

  • 2013 wurde Poe in der Zeichentrickserie South Park in der Folge Goth Kids 3 gezeigt.

  • 2014: Stonehearst Asylum, Regie: Brad Anderson, mit Kate Beckinsale, frei nach The System of Doctor Tarr and Professor Fether.

 


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Edgar_Allan_Poe

Bildnachweis:

English: From LoC "Famous People" collection, Library of Congress, Prints and Photographs Division [LC-USZ62-10610].
Italiano: Da LoC raccolta di "Persone Famose", Biblioteca del Congresso, Divisione Stampe e Fotografie [LC-USZ62-10610].
Español: De la colección LoC "Famous People", Biblioteca del Congreso, División de Impresiones y Fotografías [LC-USZ62-10610].

AuthorTaken by W.S. Hartshorn, Providence, Rhode Island, November, 1848